Donnerstag, 21. Juli 2016

Das Ende von Cloudpharming

Hallo liebe Lesende,

ich habe heute beschlossen, daß es an der Zeit ist, dieses Blog zu schließen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: zum Einen habe ich hier seit einer halben Ewigkeit nichts mehr geschrieben und habe nicht die Energie, um das Blog mit der Stringenz zu betreiben, mit der ich es gerne würde. Zum Anderen habe ich aus persönlichen und "beruflichen" Gründen einfach keine Zeit mehr, um hier regelmäßig etwas zu schreiben. Des Weiteren ist einfach alles gesagt, was ich sagen wollte. An den Problemen hat sich nichts geändert und, mal ganz ehrlich - das Thema verliert ein wenig an Relevanz für mich. 

Nun denn. Die Artikel bleiben bestehen und nein, ich habe nicht heimlich einen Job bei der DHU angenommen. Jetzt bitte rührende Abschiedsworte einsetzen! Servus, tschüß, tschau!

Dienstag, 5. April 2016

Prinzipien, Probleme, PJ

Liebe Leser,

jetzt war es über ein Jahr lang komplett still um mich. Auch die Zeit vor dem an Impfgegner gerichteten Blogpost, der recht erfolgreich war, kann man bestenfalls als "lau" bezeichnen. Das hatte natürlich Gründe: Krankheits-, Stress- und vielleicht sogar ein kleines bißchen Prokastinationsgründe. Die Quintessenz des Ganzen ist nun jedoch, daß mein Leben sich dieses Jahr ziemlich ändern wird - und genau darüber möchte ich mich in diesem Blogpost auslassen.

Meine Laufbahn als klassische Hörsaal-Studierende neigt sich jetzt dem Ende zu; in wenigen Tagen beginnt das letzte Fachsemester vor dem zweiten Staatsexamen und dem PJ. Zudem werde ich im Sommer das Rheinland verlassen und nach Kiel ziehen. Also zückt schonmal die Taschentücher! Nun aber zur eigentlichen Problematik, der ich mich stellen muß: das Praktische Jahr. Das PJ ist der abschließende Teil des Pharmaziestudiums, in welchem der aufstrebende Pharmazeut mindestens ein halbes Jahr in einer öffentlichen Apotheke arbeiten muß - das andere Halbjahr kann er entweder bei der Bundeswehr, einer Krankenhausapotheke, der Farmerlobby pharmazeutischen Industrie oder an einer anderen geeigneten Stelle verbringen.


Ich will selbstverständlich als Soldat der Pharmaindustrie den Aluhutträgern da draußen mit schröckligen Schemikalien den Tag versüßen, doch das geht, wie gesagt, nur für sechs Monate. Für die übrige Zeit suche ich gerade mit großem Eifer eine Stelle in einer öffentlichen Apotheke. Und genau da beginnt das Problem: egal, welche Apotheke ich mir ansehe, überall wird mit alternativen Heilmethoden geworben. Natürlich, das gehört zum Leistungskatalog, ohne welchen eine Apotheke heutzutage nur schwer über die Runden kommt. Darüber habe ich an anderer Stelle ja schon ausführlich geschrieben.

Aber ich komme nun aus einer wissenschaftlichen Umgebung, habe mich vier Jahre lang mit Biochemie, Technologie, Pharmakologie und zuletzt auch sehr intensiv mit pharmazeutischer Chemie auseinandergesetzt (und es hat mir Spaß gemacht), sodaß es mir beinahe unerträglich vorkommt, ab Oktober Menschen geschütteltes Wasser oder anthroposophische Cremes zu verkaufen. Ich freue mich auf die Beratungstätigkeit; jeder, der mich kennt, weiß, daß ich äußerst gerne rede und berate, daß ich es liebe, hilfreich zu sein. Aber beinahe jede Apotheke zählt Beratung zu Themen wie Homöopathie und anderem Nonsens zu ihren Kernkompetenzen.

Ja, dann sollte ich mich doch einfach davon ausnehmen, oder nicht? Einfach sagen "Sorry, Freunde, Ihr könnt das ja verkaufen, aber wenn eine Person hierherkommt und eine Beratung zu dem Thema wünscht, bin ich leider raus!" Das wäre zwar schön, damit verkennt man aber komplett die Tatsache, daß ich, wenn ich da ankomme, ein ganz kleines Licht bin. Eine frisch abstudierte Anfängerin, die erst einmal lernen muß und wenig bis gar nichts zu sagen hat. In welcher anderen Branche kann ein Neuling zum Chef kommen und sagen "Ja, äh, das... mach ich nicht!" ? Natürlich in keiner. Auch nicht, wenn diese Weigerung wissenschaftlich basiert ist. Mein/e zukünftig/e Chef/in ist nämlich zwar in erster Linie ein/e Gesundheitsberater/in, aber eben auch Kauf- bzw. Geschäftsmann/frau, der/die Umsatz haben will.

Meinungen und Ansichten, die am Ende den Arbeitgeber Geld kosten können, kann man sich im ersten halben Jahr mit Sicherheit noch nicht leisten. Andererseits würde ich mich jeden Abend im Spiegel anspucken müssen, wenn ich auch nur ein "Medikament" dieser Sorte empfohlen hätte. Auf Bestellung und ohne weitere Beratung bzw. ohne "Sie wissen aber schon, daß das Bullshit ist?" derlei Zeug abzugeben, könnte ich vermutlich gerade noch ertragen. Oft genug wird man aber spezifisch nach Beratung gefragt, und dann kann man nicht jedes Mal wie ein aufgescheuchtes Reh zu den Kollegen springen und nach Vertretung verlangen.

Und sich eine bullshitfreie Apotheke suchen? Tja, könnte man machen, man hat dann nur ein Problem: die gibt es nicht. Man muß froh sein, wenn man überhaupt eine Apotheke im Umkreis findet, die PJ'ler für ein halbes Jahr annehmen. Was also tun? Prinzipien zu haben ist scheiße. Daß ich unter meinem Klarnamen darüber blogge, ist vermutlich auch nicht gerade das Klügste der Welt, aber nun, irgendwie muß man sein Gewissen ja beruhigen.

Zu den Aussichten:

  • Ich habe natürlich vor, über meine Erfahren in der Apotheke zu schreiben (selbstverständlich anonymisiert) und wieder etwas aktiver zu werden. 
  • Außerdem spreche ich am 7. Mai auf der Skepkon in Hamburg über Beautyprodukte und Humbug
  • Ebenfalls in Hamburg findet am 5. Mai die Podkon statt, wo wir als (L)Esostunde zugegen sein werden. Ebenfalls dabei: das Personal diverser anderer Podcasts wie Hoaxilla, Bartocast, Viva Britannia, Schlaulicht, OhrenNahrung, Das geheime Kabinett, Heißluftdampfer etc.
So long!

Dienstag, 3. März 2015

Meine drei Pfennig zum Impfgegnertum

In Berlin grassieren die Masern, in allen möglichen Internetforen grassieren die Impfgegner. Vielerorts wird darüber diskutiert, wie man dieser irrationalen Strömung denn nun am besten begegnet. Mit einer ellenlangen Aufzählung von Fakten? Mit emotionalen Geschichten von Einzelfällen? Als Sebastian Bartoschek mich fragte, ob ich einen Artikel zu diesem Thema verfassen möchte, habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich diesen gestalten soll.


Ich habe, in Anlehnung an einen Artikel meines Gatten, die Briefform gewählt. Das schien mir ein angemessenes Stilmittel zu sein, erzählt es doch keine Geschichte vom anrührenden Einzelfall - denn das Ganze ist fiktiv. Aber es gibt dem Thema die persönliche Note, die meiner Meinung nach nötig ist, um auch diejenigen zu erreichen, die dieser Artikel primär adressieren soll: junge Eltern im Zwiespalt.
Diese lesen sich keine Rants durch, ebenso wenig wie seitenlange Faktenwüsten. Der Artikel stellt deswegen eine Mischform dar, denn ich habe versucht, den Brief mit Tatsachen und anschaulichen Vergleichen zu spicken.

Daß das die grauen Eminenzen des "Skeptizismus" mitunter doof finden mögen, ist bei mir bereits angekommen und mir auch ein bißchen egal. :-)

Viel Spaß beim Lesen:

Ruhrbarone: Liebe Impfgegner, es wäre nett, wenn Sie mein Kind am Leben ließen

(Ich freue mich natürlich über reges Teilen)

Donnerstag, 12. Februar 2015

Seriously...?

Anmerkung: diesen Text habe ich vor Jahren auf einem anderen, mittlerweile privaten Blog veröffentlicht. Ich bin der Ansicht, daß er auch heute noch gültig ist und verwerte ihn daher hier wieder!

Ich hasse ja Karneval.
Das zur Einleitung. Und meine Erlebnisse in der Karnevalshochburg Köln verleiten mich  nach fast einem Jahr mal wieder zu einem Eintrag in dieses Blog. Für alle, die in südlicheren Gefilden leben oder das Glück haben, von diesem ganzen Scheiß aus irgendeinem segensreichen Grund nichts mitzubekommen: heute ist Weiberfastnacht oder, wie es bei uns hieß, schmutziger Donnerstag. Ich wollte heute einkaufen gehen, um mich vor den Horrortagen einzudecken - damit ich nur noch im Notfall die Wohnung verlassen muß. Ja, gehste mal vor 11 Uhr, dachte ich, da wird schon noch nichts los sein, sind ja keine geistesgestörten Temporär-Alkoholiker, hier in Köln...
Ja.
Das dachte ich.

Auf dem Weg zur Stadtbahnhaltestelle kamen mir schon die ersten Witzbolde entgegen. Blöde Hüte und Billigperücken, bunte Fetzen und ziemlich arme Kostüme; kennt man ja. Unerwarteterweise war die Bahn natürlich völlig überfüllt mit den sogenannten "Jecken", die alle kollektiv "Spaß" dabei haben, schlecht verkleidet zu sein und sich asozial aufzuführen... selbstverständlich wurde ich in meiner nichtgeblümten Normalkleidung mit fast schon mitleidigen Blicken bedacht. Im Supermarkt kamen mir dann die Menschen mit den Alkoholvorräten entgegen. Meine Güte, es war gerade mal zehn Uhr! Die Kassiererin war selbstverständlich "lustig" verkleidet und vor dem Laden standen die ersten Ansammlungen von Menschen aller Art, die sich um halb elf (!) vormittags (!) schon betrinken, wie die elenden Alkoholiker. Und das geht jetzt ein paar Tage so weiter. Die Stadt wird durchsetzt sein von Idioten, Müll und Kotzeflecken, es wird gegrabbelt, gesoffen und betrogen und bei der Gelegenheit werden sicherlich massenweise Geschlechtskrankheiten übertragen und Kinder gezeugt. Die Verkleidung gaukelt Anonymität vor und am Mittwoch wird sich geschämt, was das Zeug hält (...hoffentlich).

Aber das Verstörendste daran ist dieses so flache, traurige Verständnis von Lustigkeit, von Spaß und Humor. Ja, Mensch, ist DAS witzig, 2/3 der Leute sind als Cowboys, Indianer und Piraten verkleidet, der Rest begnügt sich mit dummen Hüten, luuuuustigen Perücken und zwei Pinselstrichen Farbe im Gesicht, schon ist man eine Stimmungskanone! Hach, hahaha... zum Wegschreien komisch. Haha.
Ha.
Einmal muß man ja witzig und ausgelassen sein, wa? Und dazu gehört, sich im Kindergarten-Outfit zu unerträglich lauter Bummsmucke einen hinter die Binde zu kippen und zu gröhlen wie ein besoffener Gorilla nach einer Lobektomie. Wenn die verbitterte Enddreißiger-Mutter sich ein Köln-Abziehbildchen auf die Wange klebt und die fettärschige Graumaus sich als dicker Fliegenpilz verkleidet, wenn die sich vor den Spiegel stellen und denken, daß sie auch nur ein Quäntchen lustiger sind als Durchfall, dann kann doch irgendwas nicht stimmen... und dazu die alles überschattende Spießigkeit, die sich daraus ergibt, daß diese Ausgelassenheit nur an ein paar von "oben" diktierten Tagen erlaubt ist und dann auch konsequent ausgereizt wird.

Ich sei ja gar nicht offen für sowas, wurde mir gesagt. Doch, doch - diese sophistizierte Art von Humor ist mir vermutlich einfach noch nicht zugänglich, aber ich versuche mein Bestes. Ich finde das alles urkomisch, das verstehe ich unter Spaß in meinem Leben, und deswegen mache ich jetzt extra mein lustiges Karnevals-Gesicht:


Wirklich? Ist das wirklich Euer Humorverständnis? Liebes Volk, das hier ist lustig. Das hier, und auch das hier, irgendwie. Aber diese kotzegetränkte, kackmusikgetriebene Sauforgie im Piratenkostüm, die nur die verzweifelte Ausflucht aus einem affektflachen Drohnenleben sein soll, ist es NICHT!

P.S.: hiermit rufe ich die Aktion "postet Euer eigenes lustiges Karnevalsgesicht!" ins Leben! Haut rein!

Mittwoch, 28. Januar 2015

Die richtigen Signale

Warnung: dieser Artikel kann Spuren von Polemik, Sarkasmus und ähnlichen Inhaltsstoffen enthalten.

Am 20./21. Januar besuchten Claudia Roth, ehemalige Parteivorsitzende der Grünen, und die CSU-Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl den Iran und kamen damit einer Einladung aus Teheran nach. Das Programm war ein buntes: so traf sich Frau Roth mit Ali Laridschani, dem iranischen Parlamentspräsidenten. Der Mann, mit dem sie auf mehreren Bildern ein offensichtlich recht erfreuliches Pläuschchen hielt, ist ein ausgesprochener Antisemit und sich bei der Frage, ob es den Holocaust gegeben habe, nicht so ganz sicher (ach ja: der Zeitpunkt dieses Treffens, nämlich etwa eine Woche vor dem 70. Jahrestag des Befreiung der überlebenden KZ-Häftlinge aus Auschwitz, war freilich sehr durchdacht gewählt). Natürlich hat sie mit allen Menschen dort ganz doll geschimpft wegen der Menschenrechte. Bestimmt ist es ihr zu verdanken, daß während ihres Besuchs im Iran nur fünf Menschen hingerichtet wurden.

So ein lustiger junger Mann, der Herr Laridschani.
Zudem traf sie sich mit einer ehemaligen Geiselnehmerin, die jetzt ein hohes politisches Amt im Iran bekleidet, und trug dabei zu allem Überfluß auch noch ein Kopftuch - das ist es, worauf ich in diesem Beitrag eigentlich hinaus will. Unabhängig davon, daß ich persönlich (!) das Kopftuch für ein problematisches Symbol halte, war das eine Entscheidung, die viele Menschen verärgert hat. Ich halte den Shitstorm, der ihr und ihrer Kollegin Wöhrl entgegenschlug, für prinzipiell richtig, allein das Ausmaß (bis hin zu strafrechtlich relevanten Aussagen und Drohungen) war mal wieder pegida-esk übertrieben. Doch neben den üblichen am rechten Rand des politischen Spektrums herumlungernden Bierpatrioten haben sich auch richtige Menschen über diesen Fehltritt geärgert.
Zum Einen merkt das MFFB an, daß ein solcher Besuch, fein in geschlechtsneutralen Zwirn gehüllt und mit einem Dauergrinsen bewaffnet, den internationalen Druck auf dieses Land etwas lächerlich wirken lasse.
Außerdem haben sich die Frauen der Aktion "My Stealthy Freedom", die gegen die Zwangsverschleierung im Iran protestiert, ganz besonders gefreut, daß westliche Politikerinnen, die nicht dem Islam angehören, ohne Not dieses Unterdrückungstextil tragen und damit auch noch recht debil in die Kamera grinsen. Iranische Männer, die auf Staatsbesuch gehen, so argumentieren sie, weigern sich, an Empfängen teilzunehmen, auf welchen Alkohol ausgeschenkt wird. Wieso weigern sich Frau Roth und Frau Wöhrl dann nicht, ein Kopftuch anzuziehen? Weil es Teil des "politischen Protokolls" ist, wie Claudia Roth sagt. Dazu fällt mir ein Lied von Rage Against The Machine ein.
Also. Es gibt Frauen wie Claudia Roth.

Smile! You're on camera!
Und es gibt coole Frauen. Eine davon ist Michelle Obama. Die hat nämlich die Beerdigung des ehemaligen "Königs" (im 21. Jahrhundert! God dammit!) von Saudi-Arabien besucht und dafür ihre Indien-Reise unterbrechen müssen. Und genau so gut gelaunt sieht sie auf den Bildern auch aus. Was auf den Bildern, neben ihrem minimal entgleisten Gesicht, jedoch auch zu sehen ist: ihre Haare!


Und hier nochmal Frau Obamas Checkliste, was die Erwartungen an sie bezüglich der Kleiderordnung angeht:


Von Michelle Obama war erwartet worden, daß sie dem toten Machthaber in schwarzem Gewand und mit bedecktem Haar die "letzte Ehre" erweise, doch sie kam in Quietschblau und mit schicker Fönfrisur, was in der saudischen Twitterwelt für Empörung und bei mir für Freude sorgte. Auch in Saudi-Arabien herrscht Zwangsverschleierung für Frauen (wenngleich nicht zwingend für Staatsgäste), Frauenrechte hingegen sucht man vergebens. Ohne männlichen Begleiter das Haus verlassen, Auto fahren oder wählen sind - und bleiben, wenn man den Worten des neuen Königs Glauben schenken darf - Wunschträume der saudischen XX-Chromosomen-Trägerinnen. In einem solchen Land kein Kopftuch zu tragen hat wenig mit religiöser Respektsverweigerung, sondern vielmehr mit einem Statement für die Menschenrechte zu tun.

Und während eine Claudia Roth oder eine Dagmar Wöhrl duckmäuserisch die Appeasementkeule schwingen und in die Kamera grinsen, stellt sich eine Michelle Obama im blauen Kleid und mit betont angepisstem Gesichtsausdruck vor die saudischen Delegierten, die ihr mitunter nicht mal die Hand reichen, und ist... cool. Chapeau.

Je suis Raif

Liebe Leser,

nach einer weiteren Klausurenepisode melde ich mich mal wieder zurück, denn das Thema, um welches es geht, ist wichtig. Ich habe gehofft, daß die von Amnesty International lancierte "Urgent Action" und der weltweite Protest gegen die Auspeitschung von Raif Badawi etwas bringen würden. Das war nicht der Fall. Zwar machten zwischendurch Gerüchte die Runde, daß die Strafe aufgehoben sei, diese bewahrheiteten sich jedoch nicht. Welche Rolle der Machtwechsel in Saudi-Arabien dabei spielte, weiß ich nicht - in jedem Fall wurde Raif Badawis Auspeitschung schon mehrfach aus gesundheitlichen Gründen verschoben.


Die ersten 50 Peitschenhiebe, die Badawi durchleiden mußte, haben ihn bereits stark mitgenommen; noch immer geht es ihm schlecht. Die restlichen 950 Peitschenhiebe kommen damit einem Todesurteil gleich. Und wofür das alles? Raif Badawi hat gebloggt. So, wie es tausende in westlichen Gefilden jeden Tag tun. So wie ich. Wie mein Mann. Jeden Tag machen wir Gebrauch von unserem Recht auf freie Meinungsäußerung, kritisieren Politik, Religion, Justizsysteme und unsere Regierung. Genau das hat Raif Badawi getan. Und muß nun dafür bezahlen: mit 1000 Peitschenhieben, 195.000 Euro Strafe und zehn Jahren Gefängnis, die ihn von seiner Frau und seinen drei Kindern trennen.

Seine Familie mußte nach Kanada flüchten, sein Anwalt wurde ebenso verurteilt und eingesperrt, er kann die Strafe nicht bezahlen und die Chancen, daß der 30jährige diese Tortur überlebt, stehen nicht besonders gut. Was kann man tun? Vermutlich nicht viel, von Deutschland aus. Ein Zeitungsartikel hat mich auf die Idee gebracht, dem saudischen Botschafter in Berlin folgende Mail zu schreiben:

Sehr geehrter Herr Professor Dr. med. Ossama bin Abdul Majed Shobokshi,
mit grosser Sorge betrachte ich seit einiger Zeit den Fall des Raif Badawi. Amnesty International betrachtet den Blogger als politischen Gefangenen, der nur friedlich von seinem Menschenrecht auf freie Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht hat.
Ich lehne die koerperliche Zuechtigung grundsaetzlich ab und bezweifle, dass Raif Badawi die fuer ihn angedachten 1000 Peitschenhiebe zu ueberleben imstande ist. Aus diesem Grund biete ich hiermit an, 50 der Peitschenhiebe fuer Raif Badawi zu uebernehmen. Ich koennte eigens dafuer nach Berlin zur Botschaft des Koenigreichs Saudi-Arabien reisen und die Strafe dort annehmen unter der Bedingung, dass diese 50 Peitschenhiebe dann von der Strafe Badawis abgezogen werden.
Bitte lassen Sie mich zeitnah wissen, ob das moeglich waere.
Mit freundlichen Gruessen,
Claudia Courts
Mit Bitte um Weiterleitung an:
King Salman bin Abdel aziz Al Saud
The Custodian of the two Holy Mosques, Office of His Majesty the King
Royal Court, Riyadh, SAUDI-ARABIEN

Ich habe das geschrieben, weil ich tatsächlich dazu bereit wäre (Trittbrettaktionen wären in diesem Zusammenhang vermutlich nicht so klug). Weil es ein Beitrag dazu wäre, das Leben eines Menschen zu retten, der sonst von seiner Regierung getötet wird - weil er das getan hat, was für mich ein selbstverständliches Menschenrecht darstellt, welches ich hoch halte. Bis jetzt gab es zu diesem Verfahren noch keine öffentliche Stellungnahme der saudi-arabischen Regierung bezüglich seiner Rechtmäßigkeit. Sollte es jemanden unter Euch geben, der das ebenso sieht oder der bereit wäre, Raif einen Teil seiner Strafe abzunehmen, so wäre es großartig, wenn er/sie dieses Angebot ebenso versenden oder diesen Blogpost teilen könnte. Stellt Euch vor, wie es wäre, wenn 950 Leute je einen Peitschenhieb für Raif durchleiden könnten! Die Adresse lautet deemb@mofa.gov.sa 
Danke Euch!

Man mag diese Mail, dieses Angebot vielleicht als verzweifelten Aktionismus (oder gar Selbstbeweihräucherung?) betrachten und zu bedenken geben, daß es vermutlich noch hunderte solcher Fälle gibt. Aber in meinen Augen gebietet es mir (!) die humanistische Gesinnung, sich einzusetzen für diesen leidenden Menschen, der ein Verbrechen begangen haben soll, daß es gar nicht gibt. 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Was darf Satire? Alles.

Das schrieb Kurt Tucholsky im Berliner Tageblatt im Jahre 1919. Heute zeigte sich nur scheinbar, daß das nicht stimmt: wer satirisch überden Islam berichtet, wird bestraft. Legitimiert fühlt man sich als Strafender natürlich von Allah höchstselbst. Dieser und sein Kumpane Mohammed sind sicher sehr froh, daß drei maskierte Rächer die Drecksarbeit machen. Allerdings müssen sie sich die Frage gefallen lassen, warum allmächtige Wesen die unverschämten Karikaturisten nicht einfach an einem Herzinfarkt, einer Hirnblutung oder einem Blitzschlag sterben lassen, sondern drei ihrer nichtigen Untertanen dafür brauchen.

Heute, am 7. Januar 2015, töteten drei maskierte Männer in der Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris und deren Umgebung insgesamt zwölf Menschen. Sie erschossen die Opfer mit Kalashnikows und schrieen dabei „Wir rächen den Propheten! Wir haben Charlie Hebdo getötet!“. Neben dem Chefredakteur und drei Karikaturisten kamen dabei noch mehrere Polizisten ums Leben. In der Zeitschrift waren regelmäßig Mohammed-Karikaturen abgebildet, die für Kontroversen in Frankreich und Europa sorgten, weswegen die Redaktion unter Polizeischutz stand. Ein Youtube-Video zeigt, wie die Männer, die aus ihrem islamistischen Hintergrund keinen Hehl machen, aus ihrem Auto aussteigen, gezielt Schüsse auf einen Polizisten abfeuern und, nachdem sie feststellen, daß dieser noch nicht tot ist, auf den sich windenden und die Arme hebenden Mann zumarschieren und ihm einen Todesschuß in den Kopf versetzen.

Empathie ist einer der wichtigsten Faktoren im menschlichen Miteinander. „Empathie“ bezeichnet das Einfühlungsvermögen; die Fähigkeit, sich in einen anderen Standpunkt hineinzuversetzen; das Vermögen, die Gefühle des Gegenübers nachzuvollziehen; die Betroffenheit, wenn ein anderer Mensch in Not gerät und den Impuls, in solchen Situationen zu Hilfe zu eilen. Dieses Einfühlungsvermögen sollte eine Basis des menschlichen Moralempfindens sein: es zielt darauf ab, menschliches Leiden zu minimieren. Von klein auf entwickeln wir diese Fähigkeit, sie konstituiert unser Gewissen und unser Verantwortungsgefühl. Menschen, die zur Empathie nicht fähig sind, empfinden wir oft als un- oder antisozial, mitunter sogar als psychopathisch. „Psychopathen“ oder Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden dabei meist unter neurobiologischen Fehlfunktionen (Fehlregulation der Amygdala oder Reduktion der Großhirnrinde), welche für das Fehlen jeglicher Empathie verantwortlich ist.
Es gibt allerdings noch einen anderen Faktor, der einen ganz offensichtlich vergessen lässt, daß das Gegenüber ein fühlendes menschliches Wesen ist: Dogmatismus. Und dieser wird von zwei Personengruppen geradezu zelebriert: von politischen und religiösen (von diesen noch mehr, weitet sich doch deren "Tätigkeitsfeld" auch auf das Leben nach dem Tode aus) Extremisten. Was moralisch richtig ist, wird dabei nicht „von der Realität des Leids“ bestimmt, sondern von den Angaben in einem uralten Buch. Wer so denkt, kann auch im Namen Allahs Menschen töten.

Mich hat das Video des sterbenden Polizisten bis ins Mark erschüttert und große Übelkeit ausgelöst. Wer denkt, daß er das aushalten kann, möge hier klicken, um eine Aufnahme dieses Mannes zu sehen, wie er, Sekunden vor seinem Tod, flehend die Arme hebt und (auf dem Bild nicht zu sehen, im Video schon) dem Attentäter ins Gesicht blickt. Dieser ist davon vollkommen unbeeindruckt, marschiert auf ihn zu und schießt ihm in den Kopf. Wenn ich mir auch nur eine Sekunde lang vorstelle, wie sich der auf dem Boden liegende Mann gefühlt haben muß, könnte ich in Tränen ausbrechen. Aber die Überzeugung, im Namen einer Gottheit zu handeln und moralisch somit auf der richtigen Seite zu sein, lässt den Peiniger nicht einmal zögern. Deswegen halte ich Religion für so gefährlich: jeder Funke Mitleid ist eradiziert und das Gegenüber wird nicht einmal mehr als Mensch betrachtet. Das Fundament eines sozialen, gewaltfreien Miteinanders ist nicht vorhanden, wenn einer glaubt, er handele im göttlichen Auftrag. Wenn er einen Menschen tötet, weil dieser etwas gezeichnet hat.


 Der Chefredakteur von Charlie Hebdo, Stéphane Charbonnier, genannt „Charb“, ist diesem niederträchtigen Anschlag ebenfalls zum Opfer gefallen. Er war mutig und machte mit seiner Provokation nie vor religiösen oder politischen „Gefühlen“ Halt. Ich halte dieses Konzept für gut: Menschen dürfen sich ruhig daran gewöhnen, daß ihre völlig arbiträr gewählten „Gefühle“ dieser Art nicht nur deswegen heilig sind, weil sie von irgendeiner Gottheit oder politischen/spirituellen/anderweitigen Eingebung stammen; nichts darf sicher sein vor Spott, oder, wie mein Mann es ausdrücken würde: es gibt kein Recht darauf, nicht beleidigt zu sein. Gäbe es dieses Recht, wäre die Meinungs- und Pressefreiheit schnell dahin – und die ist in demokratischen Gefilden grundsätzlich höher zu bewerten als die Eingeschnapptheit eines Einzelnen. Charb sagte 2012, nachdem eine erste Kontroverse über die Veröffentlichungen von Mohammed-Karikaturen in vollem Gange war: „Ich habe keine Angst vor Repressalien. Ich habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keine Schulden. Das klingt jetzt sicherlich ein bisschen schwülstig, aber ich sterbe lieber aufrecht, als auf Knien zu leben.
Das mußte er heute tun. Aber die Pressefreiheit ist nicht gestorben, nicht einmal verwundet, im Gegenteil: mit ihrem Anschlag haben die Täter vermutlich genau das Gegenteil dessen erreicht, was sie wollten.


 Was soll man nun sagen zum Thema Islam? Ich kenne viele friedfertige Muslime, und erstmals werden auch die Stimmen gemäßigter Gläubiger hörbar, die (relativ laut) diesen Akt des Terrorismus verurteilen. Aber eine Religion, die mit großer Regelmäßigkeit und in hoher Zahl derart gewaltbereite Menschen hervorbringt, scheint ein grundlegendes Problem zu haben. Ist das der „wahre Islam“? Nein, sagen viele Gemäßigte in unseren Breitengraden, auch wenn es um ISIS geht. Aber wer legt das fest? Wenn man, wie ich, an keine höhere Gewalt glaubt, wer hat dann das Recht, den Menschen zu sagen, was der wahre Islam ist? Für die Attentäter ist das, was sie getan haben, mit dem Koran völlig vereinbar, und sicher fänden sich hunderte Stellen in diesem Buch, die das belegen. Der Islam birgt ein hohes Gewaltpotential in sich, wie es alle abrahamitischen Religionen tun. Nur befinden sich Christen- und Judentum weiter fortgeschritten in ihrer Entwicklung, der Islam frönt dem Sturm und Drang. Laut dem islamischen Kalender haben wir heute den 16.3.1436 – und man macht dem Datum mit seinem Gebaren alle Ehre.

Doch fast das Schlimmste haben die Attentäter sich und ihren Mitgläubigen selbst angetan: weltweit wächst nun eine irrational mit Fremdenhass verbrämte, hässliche Bewegung, die hierzulande ihren Ableger „Pegida“ nennt. Der Argwohn gegenüber Frauen mit Kopftuch oder Männern, welche die Moschee besuchen, wird weiter wachsen und rechtsextreme Idioten haben heute tonnenweise Wassers auf ihre Mühlen bekommen. 
Nein, liebe Islamisten, ihr habt Charlie Hebdo nicht getötet. Ihr habt die Pressefreiheit nicht getötet. Und das werdet ihr auch nicht schaffen.