Mittwoch, 7. August 2013

Batshit crazy.

Heute gibt es ein paar Bilder aus Crazytown. Falls jemand den Begriff "batshit crazy" noch nicht kennt - ich weiß jetzt wenigstens, wo er herkommt. Also - let the show begin:


Das bin ich mit Handschuhen. Mußte ja in Fledermauskot wühlen. Die Schutzausrüstung dient allerdings hauptsächlich dem Produktschutz. Der Kunde muß ja nicht noch meine Hautkeime zu den E.coli-Bakterien im Fledermauskot dazu bekommen. Hier ist es also, das Flatterexkrement:

 

Links der Name im schicken Apothekenlatein. rechts das Produkt. Ich wollte es nicht aus der Dose klauben, irgendwann ist auch mal gut mit der Hingabe an die Undercover-Recherche...
Meine zweitliebste Zutat ist "Cervi cornu colla", gelatiniertes Hirschhorn. Wird gerne Männern mit Kinderwunsch verschrieben. Über den Zweck darf munter gerätselt werden... Voilà:


Ich weiß auch nicht genau, warum irgendwelche Schriftzeichen auf dieser Tee-Ingredienz prangen müßen. Vermutlich harmonisieren sie das Chi oder so.


Das gefällt mir auch ausgezeichnet: Zikadenhack! Sehr lustig fand ich die Aufschrift auf der Dose: man möge doch bitte bis zur Unkenntlichkeit mörsern und das gute Zeug nochmal in separate Teebeutel abpacken, damit die Kunden auf keinen Fall erkennen, daß sie gerade Zikadengulasch kochen...



Als nächstes kommen Muschelschalen. Die müßen 40 min lang gekocht werden und helfen selbstverständlich auch bei Kinderwunsch. Außerdem lehrt uns die Aufschrift "Calm spirit", daß sie wohl auch beruhigend wirken. Natüüüüürlich.

 

Und zum Schluß: versteinerte Säugetierknochen. Mußte ich schon in diverse Tees mischen: das ist keine Exotenzutat. Ich bin übrigens dafür, daß Cornelius von BlooDNAcid die mal analysiert und schaut, welche Säugetiere das so sind. Wer will, kann eine Petition auf change.org starten. Oder ihm eine Mail schreiben. Harharhar.



So. Das war's erstmal. Am Wochenende der nächste Bericht! 
Schökes!

Montag, 5. August 2013

Pharmazie un(der)covered!

Für interessierte Leser stelle ich hier mal eine Liste mit Links zu meinen Beiträgen über die Eso-Wucherungen in der Pharmazie zusammen. Und los geht's:

Und aus der gerade begonnenen TCM-Reihe:

Hier kann man mich dazu auch hören:



... to be continued!


[Ja, die Formulierung der Überschrift ist geklaut.]




Samstag, 3. August 2013

Praktikum in der Eso-Apotheke, Teil 1: Schwanger werden mit Fledermauskot

Es ist Montag morgen, kurz vor 10 Uhr. "Hallo, ich mache ab heute bei Ihnen mein Praktikum!" Ich habe soeben eine große Apotheke im Rheinland betreten, um dort die nächsten vier Wochen zu arbeiten: eine, die sich auf TCM und allerlei anderen Alternativ"medizin"-Humbug spezialisiert hat und damit farbenfroh und weithin sichtbar wirbt. Ich habe, wie aufmerksame Leser meines Blogs bemerkt haben könnten, einen kleinen Hang zu "Undercover"-Aktionen entwickelt und dachte mir, die vier Wochen könnten die Qual wert sein; vielleicht würde ich ja mit ein wenig Gratis-Irrsinn belohnt. Nun, so viel kann ich schon nach der ersten Woche sagen: ich sollte Recht behalten...
Nach einem recht freundlichen Hallo dann die Ansage, daß ich die erste Woche gleich in der TCM-Abteilung selbst verbringen soll. Falls der geneigte Leser sich damit nicht auskennt, will ich versuchen, ein wenig zu erklären, was ich an der Traditionellen Chinesischen Medizin für so bedenklich halte. 

Die als "Jahrtausende alte Erfahrungsmedizin" verkaufte Heilslehre aus Fernost ist in Wirklichkeit höchstwahrscheinlich ein geschickter Marketingszug, der vor allem in der Mao-Ära entstanden ist und seitdem erfolgreich im Westen beworben wird. Man darf davon ausgehen, daß die chinesische Regierung und auch einige Wirtschaftszweige an diesem prestigeträchtigen Geschäft nicht uninteressiert sind. 
TCM, wie wir sie heute in Europa verstehen, umfaßt hauptsächlich Akupunktur, einige Formen der Massage und Bewegungsübungen sowie die "Arzneitherapie". Gemeint sind hiermit meist Medizinaltees bzw. Dekokte, die aus vier bis zwölf, oft auch 15 verschiedenen Zutaten hergestellt werden. Über 80% der Zutaten sind Kräuter oder Pflanzenbestandteile, es gibt jedoch auch ganz andere Klassen von Ingredienzen...
Die Diagnose stellt der TCMediziner mittels Zungen- oder Irisdiagnostik sowie durch das Fühlen des Pulses seines Patienten an beiden Händen. Anschließend schreibt er eine Mischung aus Heilmitteln auf, die in Bezug zu den Meridianen der erkrankten oder gestörten Organe stehen (schließlich ist das Qi aus dem Gleichgewicht geraten, was sonst?), zudem müßen ihre "thermischen Eigenschaften" (auf einer siebenstufigen Temperaturskala) und ihr Geschmack zum Erkrankungsbild passen. Das wiederum hängt alles mit dem Qi in seinen fünf Wandlungsphasen zusammen, doch an dieser Stelle steige ich dann immer aus; wer sich damit beschäftigen möchte, kann sich dieses Bild zu Gemüte führen:


Die Apotheke hat nun also eine eigene, große Abteilung, die ausschließlich damit beschäftigt ist, solche Medizinaltees bzw. Dekokte herzustellen - und mittendrin: ich. Ich möchte vorwegschicken, daß mir dieser Bericht hier fast schon ein wenig leid tut, weil in der Apotheke und speziell in diesem Bereich außerordentlich freundliche Menschen arbeiten, mit denen ich gern den Arbeitstag verbringe; aber es hilft ja nichts. Ich hatte selbst nicht für möglich gehalten, welch schreiender Irrsinn dort in den Regalen der Kräuterabteilung auf mich warten würde, deswegen sollte auch die Außenwelt erfahren, was dort wirklich passiert.

Das Ganze läuft so ab: Der/die Kunde/in betritt die Apotheke mit einem vom Heilpraktiker oder, was bei weitem häufiger vorkommt, Arzt (!) erstellten Rezept, dieses wird in den TCM-Bereich weitergeleitet und dort aus den riesigen Vorräten an Teedrogen und anderen Zutaten grammgenau zusammengestellt. Anschließend wird es entweder in Tütchen abgepackt oder pulverisiert, für manche wird sogar gleich das Dekokt angefertigt (also ein Sud, der dann über mehrere Wochen getrunken werden soll). Was sind das nun für Menschen, die ihre Mittelchen dort mischen lassen? Ich fand das fast schon tragisch. Der weitaus größte Teil der Kundschaft sind Frauen mit Kinderwunsch, die von einer "naturheilkundlich" arbeitenden Ärztin das volle Rezepturenprogramm verschrieben bekommen: bis zu vier Tees (à ca. 12 bis 20 Euro), für jede Phase des Zyklus einen. Natürlich kommen auch Rezepte für andere Indikationen herein, schließlich behaupten die TCM-Freunde ja, alles mit ihren Tees heilen zu können. 

Was ist nun daran der Skandal? Immerhin gibt es ja durchaus wirksame Phytotherapien. Nicht aber hier: mit stolz geschwellter Brust verkünden TCM-Anhänger, die Kräutertherapie sei ja eine Erfahrungsmedizin, manche Rezepte würden sogar geheim gehalten und nur von Vater zu Sohn weitergereicht; gute Daten zur Wirksamkeit der individualisierten Kräutertherapie gibt es kaum (und wenn doch, so zeigen sie, daß kein Unterschied zur Standard-Kräutertherapie besteht, siehe Singh & Ernst: "Trick or Treatment?"). Außerdem sind die Diagnostikwerkzeuge hanebüchen und überholt, einige Inhaltsstoffe sind sogar lebertoxisch und können zu Vergiftungen führen, miteinander oder mit anderen Medikamenten wechselwirken oder, was weitaus häufiger ist: überhaupt keinen Effekt haben.
Die KundInnen haben Glück: die Zutatenliste ist auf dem Teebeutel oder der Dekoktflasche nur im guten alten Apothekerlatein angegeben, sodaß sie keine Ahnung haben, was sie da eigentlich 20 Minuten lang aufkochen müßen. Denn neben allerlei Kräutern finden sich darin auch populäre Zutaten wie "Drachenknochen" (versteinerte Säugetierknochenfragmente), Muschelschalen, zerhackte Zikaden, Skorpionbestandteile und, mein persönlicher und tatsächlich recht häufig verwendeter Favorit: Fledermauskot. Mein Entsetzen darüber, in der Dose mit den übelriechenden Exkrementen herumwühlen zu müßen steigerte sich nur noch, als die Mehrheit der Kollegen dort das für ein sinnvolles Mittel hielt.

Mich interessierte natürlich, was besagte Kollegen generell zur Alternativ"medizin"frage so denken. Niemand dort ist ein richtiger Fanatiker (das sind höchstens die verschreibenden Ärzte und Ärztinnen), aber man glaube ja schon irgendwie an eine Wirkung. Diese Gespräche enden meist in einer kurzen Aufzählung von Heilungs- und Gesundheitsanekdoten, wie jeder Skeptiker vermutlich längst weiß. Ob man es denn nicht widerlich finde, daß Frauen, die verzweifelt schwanger werden wollen, sich zuhause ein Gemisch aus Kräutern, Fledermausexkrementen und Gips (ja, Gips) aufkochen? Och, nö, die wissen ja nicht, was sich in dem Teebeutel wirklich befindet. Na, dann...
Eine weitere Problematik mit der Nicht-nur-Kräutertherapie ist, daß oft Tier- und Pflanzenarten zur Verwendung gelangen, die geschützt sind. Und obwohl die deutschen TCM-Verbände sich entschieden dagegen aussprechen, ist das den chinesischen Zulieferern oft herzlich egal (und auch mit denen gab es in den vergangenen Jahren oft Probleme: so wurden beispielsweise falsche oder stark schwermetallbelastete Drogen geliefert, die eine routinemäßige und sehr sorgfältige Kontrolle in den Apotheken mittlerweile unerläßlich machen, doch dazu nächste Woche mehr).
Ein rundum gelungenes Konzept also.

Nun, das war die erste Woche. Ich weiß noch nicht, wo ich die zweite verbringen werde, aber irgendetwas läßt mich daran zweifeln, daß es dort rationaler zur Sache geht... nun denn, liebe Leserschaft, bis nächste Woche!