Freitag, 31. Januar 2014

10 Years an Atheist

Liebe Leser,

ich habe unlängst festgestellt, daß ich dieses Jahr mein zehnjähriges Atheismus-Jubiläum feiere. Oft sind Menschen, die mich näher kennen, überrascht, dass es nicht das 26. Jubiläum ist, aber ja: ich war früher eine gläubige Katholikin. In diesem Artikel möchte ich ein wenig die Erkenntnisse beschreiben, die ich in den vergangenen zehn Jahren gewonnen habe – womit ich gehadert habe und was mir neuen Mut verschaffte. Deshalb ist dies ein sehr persönlicher Post. Manchmal habe ich mich auch gefragt, wieso ich in meinem Blogtitel eigentlich sowohl „Atheistin“ als auch „Skeptikerin“ angeführt habe: die beiden sind desselben Geistes Kind und meiner Meinung nach nicht zu trennen. Sie basieren auf dem Willen, alle Inkonsistenzen aus dem eigenen Weltbild verschwinden zu lassen und beharrlich nach Beweisen für meine Annahmen zu suchen. Dieser Prozess hat bei mir etwas länger gedauert, um in Gang zu kommen. Und diese Geschichte folgt nun.

Von der Katholikin zur Ketzerin

Der mathematisch begabte Leser hat schon ein paar Zeilen weiter oben festgestellt, daß ich mittlerweile 26 Lenze auf meinem immerhin noch einigermaßen intakten Buckel habe. Sehr viele davon habe ich in Süddeutschland verbracht, unter dem indirekten Einfluss des katholischen Allgäus und dem direkten des frommen Schwabenlandes. Dementsprechend war es für mich selbstverständlich, den katholischen Glauben meiner Familie weiterzutragen; es gab gar keinen Anlass für Zweifel an Gottes Existenz. Ich bin jedoch glimpflich davongekommen: kein Beichten, Höllengeschichten nur in der Schule, liebevolles Elternhaus, geschenkereiche Erstkommunion und Firmung. Meine Mutter verbat mir, meine Unterschrift unter die auf der letzten Seite einer in meiner Schule verteilten Bibel verfassten Erklärung, daß ich eine unwürdige Sünderin sei, zu setzen. Doch Verluste in der Familie und Ungerechtigkeiten ließen sich dem kindlichen Gemüt mit Hilfe eines lieben Gottes doch viel verträglicher erklären – also behielt ich diese Glaubenssache vorerst bei. Blöd nur, daß mein Interesse an Naturwissenschaften (vor allem Astronomie und Biologie) schnell wuchs und so mein Weltbild ernsthaft bedrohte. Irgendwann, genauer gesagt im Jahr 2004, kam es dann, wie es kommen musste: es benötigte nur ca. 30 Sekunden, um mich von der Katholikin zur Ketzerin zu machen. Ein Bekannter setzte mir am Telefon nur ein einziges Argument vor, das ich derartig überzeugend fand, daß ich – gegen anfängliches Wehren – nicht mehr länger leugnen konnte, wie offensichtlich Gott doch eine menschengemachte Figur ist. Ich fühlte mich schlecht und schuldig und es taten sich sogleich allerlei Probleme für mich auf (diese lästige Sterblichkeitssache, zum Beispiel), doch mit den Jahren lernte ich, damit umzugehen und sogar etwas ähnliches wie Stolz dabei zu entwickeln. Natürlich war das im Dorf nicht gern gesehen: da lief „Die Tochter vom Graneis“ plötzlich mit Aufsehen erregenden, düsteren Shirts herum und tat blasphemische Dinge kund! Nun, mit 16 ist man vielleicht einfach noch nicht so gut darin, Dezenz zu beweisen… aber ich versuchte nunmehr, mit Argumenten zu überzeugen und nicht mit blindem Gottvertrauen. Seit diesen Tagen ist einiges mit mir geschehen.


Atheismus, Souveränität und Lebenssinn

Ich habe an Freiheit gewonnen. Freiheit, meinen Lebenssinn selbst zu bestimmen und zu finden; Freiheit, zu tun, was ich allein für richtig und wichtig halte; Freiheit, mich nicht den albernen Gesetzen einer misogynen, menschenverachtenden, zynischen und unbarmherzigen Gottheit unterwerfen zu müssen, die meinen ganzen Lebensplan schon vorherbestimmt hat. Die imaginären Marionettenfäden zu durchtrennen bedeutet, an Souveränität zu gewinnen, aber auch an Verantwortung. Ein falsches Wort einem verletzlichen Menschen gegenüber wird nicht von einem Gott am jüngsten Tage wieder gut gemacht. Für nichts gibt es ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits. Falsche Entscheidungen verfolgen einen vielleicht ein ganzes Erdenleben lang: und dann war es das, ohne zweite Chance. Entweder, man verzweifelt an der Angst davor, oder man atmet zum ersten Mal Freiheit.
Und auch das Gefühl für die eigene Bedeutungslosigkeit kann befreiend sein. Ein Blick zu den Sternen sollte jeden normalen Menschen justieren und in seine Schranken verweisen: die Schranken eines kosmischen Wimpernschlags zwischen einem pränatalen und einem postmortalen Nichts, einer vor der Ehrfurcht einflößenden, majestätisch-gewaltigen, Äonen alten Beschaffenheit des Universums zum Staubkorn schrumpfenden Chance, den (Sternen)Staub, aus dem wir uns erhoben haben, zu kontemplieren und zu bewundern. Dieser menschenförmige Sack aus Wasser, Kohlenstoffatomen und einem Calciumgerüst dient als Vehikel für einen durch komplexe neuronale Verschaltung zustande kommenden Geist, der sich selbst und die Welt erkennen und erfühlen kann. Wem beim Anblick der Sterne in einer kalten Winternacht, in Anbetracht der Tatsache, daß das Photon, welches gerade die eigene Retina getroffen hat, Millionen, ja, Milliarden von Jahren unterwegs war und von einem komplett anderen Sternensystem generiert und entsandt wurde, nicht der Atem stockt, der muß seine Lektion in Bescheidenheit noch lernen. Und der größte Feind dieser Bescheidenheit ist der Glaube, daß „da oben“ ein Gott sitzt und sich tagein, tagaus ausschließlich um die lächerlichen Belange einer Spezies kümmert, die durch ein evolutionäres Missgeschick die Fähigkeit erlangt hat, seine Majestät mit Gebeten zu behelligen.

Atheismus, Moral und das Schlechte in der Welt

Wie kann man als Atheist das Schlechte in der Welt ertragen? Das habe ich noch nicht recht gelernt. Daß Gerechtigkeit nicht weltimmanent ist und es keinerlei Anspruch darauf gibt, war vielleicht eine der härtesten Lektionen meiner Dekonversion. Wenn es keinen Gott gibt, dessen Wege unergründlich sind und der erlittenes Leid im Jenseits tausendfach wieder gut macht, wie kann man dann bei Verstand bleiben, wenn man sieht, was Menschen einander (oft im Namen der Religion) antun oder was sie erleiden müssen? Wie kann man nicht zum heillosen Zyniker verkommen, wenn man sieht, wie Kinder verhungern, während sich dicke Fußballmanager bis zum Herzinfarkt fressen und tausende von Euro für eine Flasche Sekt ausgeben? Ich glaube, die richtige Coping-Strategie habe ich dafür noch nicht gefunden. Ich habe nur begriffen, daß es kein metaphysisches Recht auf Gerechtigkeit gibt. Und ich habe beschlossen, daß ich mein Möglichstes tun werde, keine negative Rollen in solchen Zusammenhängen zu spielen und wer weiß, vielleicht wird es ja eines Tages eine positive. Das erste Mal wurde mir das Übel in religiösen Auswüchsen bewusst, als am 11. September 2001 mehrere tausend Menschen bei einem terroristischen Anschlag zu Tode kamen: an diesem Tag flimmerten Bilder durch die Röhre, die ich fast nicht ertragen konnte. Menschen, die sich panisch aus dem Fenster in den sicheren Tod stürzten und auf der anderen Seite Religiöse aus dem mittleren Osten, die jubelnd amerikanische Flaggen verbrannten. Sich über den Tod auch nur eines Menschen zu freuen – das war mir unbegreiflich (und ist es noch). Das führt mich zum grundlegenden Problem von Religion und Moral: religiöse Moral ist nicht Leid-orientiert. Richtig ist, was Gott sagt und falsch ist, was Gott verbietet. Ich töte also, wenn Gott es befiehlt und wenn ich nicht töte, dann nur, weil Gott das nicht so toll findet. Richtige Moral funktioniert so: ich versuche, alles zu vermeiden, was anderen Leid zufügt. Gut sind die Dinge, die kein Leid provozieren oder vielleicht sogar Positives bewirken. Nur auf der Grundlage einer solchen Fehlkonzeption von Moral kann es zustande kommen, daß Menschen sich moralisch im Recht fühlen, wenn sie Dinge tun, die dem moralisch korrekt gepolten, empathischen und sozialen Tier Mensch als abgrundtief falsch und verwerflich vorkommen. Ein islamistischer Terrorist, der hunderte von Menschen tötet, oder ein christlicher Fundamentalist, der eine Abtreibungsklinik in Brand steckt, ist davon überzeugt, zu 100% moralisch integer zu sein und absolut korrekt zu handeln. Das bringen nur Religion oder religionsnahe Ideologien (z.B. Faschismus) zustande. Ich empfehle dieses und dieses Video, um sich die Dimensionen dieses katastrophalen Sachverhalts noch einmal vor Augen zu führen. Genauso problematisch ist die Idee des Märtyrertodes: ein beliebtes religiöses Motiv. Jemand, der den Tod nicht fürchtet, ist die ultimative Waffe. Er ist das Instrument, das die Welt zugrunde richten kann, wenn er fundamentalistische Motive und Nuklearwaffen hat.


Atheismus, Liebe und Tod

Ich musste das Sterben lernen. Das war die erste und mit Abstand härteste Lektion von allen. Alle Menschen, die ich ins Jenseits verabschiedet hatte, waren nun für mich ganz weg. Fast alles, was mir geholfen hatte, diese Todesfälle oder andere Ungerechtigkeiten und Katastrophen in meinem Leben zu verarbeiten, zerfiel zu Staub. So wird es wohl jedem gehen, der aus der Trost spendenden Hand eines liebenden Schöpfers in die Gasse fällt, von welcher aus man nur noch die Sterne sehen kann. Doch, wie eingangs schon erwähnt, birgt das auch Chancen – die Chance, von den Luftschlössern abzulassen und einen gesunden Weg zu finden, sich mit Vergänglichkeit und Tod, kurz, mit der Realität, abzufinden. Zudem macht die Begrenzung eines Zeitraums selbigen um ein vieltausendfaches wertvoller: beliebig wiederholbare Momente, obgleich im Jenseits oder hier, verlieren an Intensität, an Wert. Steht jedoch nur ein begrenztes Kontingent zur Verfügung, gelingt einem das, was ich unter einer gänzlich weltlichen Heiligung dieser Momente verstehe. Unter wahrhaft irdischer Spiritualität. Ein profundes Gefühl für die Schönheiten dieser Welt, für die Einmaligkeit dieser von Chaos, Zufall, Naturgesetzen und Evolution konstruierten Kulisse unseres irdischen Gastspiels. Dann bin ich immer ganz dankbar dafür (niemandem außer den vier oben genannten), daß ich, ausgerechnet ich, dieses neuronale Feuerwerk, das mein Bewusstsein konstituiert, diesen wunderschönen Erdenmoment erleben kann. Und so ist es auch mit der Liebe: wie viel kostbarer wird doch jeder Moment mit dem geliebten Menschen, wenn die gemeinsame Zeit begrenzt ist? Wie sehr lädt diese Beschränkung eine solche Verbindung auf mit Tragik, ja, Poesie! Ich habe nie so sehr geliebt wie als Atheistin. Und dafür hat es sich wirklich gelohnt, mit dem Sterbenlernen zu beginnen.
Lieben ohne Gott birgt noch weitere Dimensionen, die für mich unabdingbar sind: nicht Gott wählt meinen Partner, sondern ich. Aufgrund seines Wesens und seiner liebenswerten Eigenschaften. Und es ist auch nicht Zweck einer Partnerschaft, Gott durch den anderen zu lieben. Nicht Gott bringt die Liebe in die Welt, dazu sind allein wir fähig. Und als Frau fühle ich mich nur geliebt, wenn ich mich auf Augenhöhe mit einem Mann sehen kann, dem ich nicht gehöre und der nicht über mich bestimmt.
Natürlich schreckt mich der Tod noch von Zeit zu Zeit. Und die Bedeutungslosigkeit, in der mein Leben dereinst verglühen wird, vermag mich hin und wieder zu erschrecken und zu bedrücken. Doch dann frage ich mich, wieso ich eigentlich so eitel bin? Ich überlasse Richard Dawkins hierzu die letzten Worte dieses Artikels:

“We are going to die, and that makes us the lucky ones. Most people are never going to die because they are never going to be born. The potential people who could have been here in my place but who will in fact never see the light of day outnumber the sand grains of Sahara. Certainly those unborn ghosts include greater poets than Keats, scientists greater than Newton. We know this because the set of possible people allowed by our DNA so massively exceeds the set of actual people. In the teeth of these stupefying odds it is you and I, in our ordinariness, that are here. We privileged few, who won the lottery of birth against all odds, how dare we whine at our inevitable return to that prior state from which the vast majority have never stirred..."

Sieh ihn Dir gut an: Deinen Märtyrer. Sterne starben, und nur deswegen lebst Du heute. Dies ist Deine Geburtstätte und sie wird noch leuchten, lange nachdem Du den letzten Atemzug getan hast.

Montag, 13. Januar 2014

Wer will Medium werden?

Liebe Leser,

der Vortrag am 22. Januar ist in Arbeit, die Klausurenphase läuft, da kann man ja noch ein weiteres Projekt in Angriff nehmen! Diesmal allerdings an ganz anderer Stelle. Zusammen mit meinen exzellenten und kompetenten Kollegen Cornelius Courts, Sebastian Bartoschek, Alexander & Alexa Waschkau, Sven Rudloff und Julia Groß wird es vom 24. bis 26. Oktober 2014 einen Workshop geben.

Worum es dabei geht und was sonst noch wichtig ist, findet ihr in diesem Flyer hier:
#Mediumwerden

Solltet Ihr Interesse oder Fragen haben, so wendet Euch doch bitte vertrauensvoll an die im Dokument angegebene Email-Adresse. Ich freue mich auf Euch!



Donnerstag, 9. Januar 2014

TCM bei Skeptics in the Pub. Mit mir.

Liebe Leser,

ich habe einen Termin anzukündigen! Der ein oder andere von Euch hat ja meine TCM-Reihe verfolgt, die ich leider abkürzen mußte. Die versprochene Zusammenfassung mit den zusätzlichen Infos wird es am 22. Januar 2014 bei Skeptics in the Pub in Köln geben.

"Traditionelle Chinesische Medizin - Zwischen uralten Heilsversprechen und Tierexkrementen"
Im Jameson Distillery Pub, Friesenstr. 30, Köln
Am 22. Januar um 19.30 Uhr geht es los.

Hier auch der Link zur Veranstaltung: Klick - und hier bei Facebook: Klick.

In dem Vortrag werde ich mich auseinandersetzen mit meinen Erfahrungen in der TCM-Apotheke, aber auch mit dem Traditionellen Chinesischen Medizin an sich, ihren Methoden und Versprechen. Ich werde Probleme ansprechen, die auftreten und Gefahren, die den Patienten gar nicht bekannt sind. Außerdem werde ich ein wenig über die verwendeten Teedrogen sprechen, die ja durchaus wirkstoffhaltig sein und Wirkung entfalten können. Kann man TCM evidenzbasiert betreiben? Was wären die Alternativen? All das wird Thema dieses Vortrags sein, der anschließend in niedergeschriebener Form bei der UniDAZ erscheinen und gleichzeitig hier im Blog veröffentlicht wird.

Ich würde mich freuen, einige von Euch dort zu sehen!

Samstag, 4. Januar 2014

Astrolog...orrhoe

Ich rege mich oft auf, jedoch nicht besonders gerne: die Welt lässt mir ja keine Wahl. Und seitdem wir digitales Fernsehen zuhause haben, lässt sie mir noch ein bisschen weniger Wahl. Der Grund dafür ist AstroTV – ein Sender, den ich mir gleichermaßen verstört wie fasziniert immer dann betrachte, wenn ich keine Angst vor meinem Greisen-Ich habe, das auf dem Sterbebett die damit verschwendete Lebenszeit beklagt. Um Gerontenclaudia ein wenig zu besänftigen, fühle ich mich verpflichtet, wenigstens einen Beitrag über den kreischenden Irrsinn zu verfassen, der mir da bei jeder „Session“ entgegenschlägt.

AstroTV ist ein Privatsender, der die Welt seit dem Jahr 2004 „bereichert“ und hauptsächlich Esoterik- und Astrologietanten, selten auch –onkeln, die Gelegenheit verschafft, ihre gesammelten Psychokokken auf die Zuschauer loszulassen. Ich habe dabei zwei Gruppen von „Hellsichtigen“ und „Medien“ ausgemacht, die sich unterscheiden lassen: zum Einen die völlig Verstrahlten und in ihrer vermutlich drogeninduzierten Welt gefangenen Irren, die von Oliver Kalkofe phantastisch parodiert werden (siehe hier), zum anderen die skrupellosen, zynischen Geschäftemacher. Auf ein Paradebeispiel für diese Gruppe möchte ich später im Beitrag eingehen.

„Du gehst in eine große Zufriedenheit“

AstroTV hat, soweit ich das verfolgen konnte, zwei wichtige Programmblöcke: den Shop und die Live-Beratung. Letztere ist vermutlich lukrativ, kostet doch ein Anruf 50 Cent – und die Astro-Elsen werden auch nicht müde, die Zuschauer dazu aufzufordern, sich einzuwählen und der Macht des „Zufallsgenerators“ zu unterwerfen. Oft werden minutenlang die Anrufe unterdrückt, so daß es den Anschein erweckt, daß niemand dort momentan durchrufe und die Chancen, sich einzuwählen, nun besonders hoch seien – ein leicht durchschaubarer Trick, aber offenbar nicht für die Zuschauer von AstroTV. Ebenso „raffiniert“ mutet das Beratungskonzept an: Wünsche ans Universum über Heilsteine, Zukunftsaussichten über Tarotkarten, Persönlichkeitsanalysen über astrologische Methoden. Allen Beratungsarten ist gemein, daß sie auf milden Versionen des Cold Reading basieren: den BeraterInnen ist natürlich klar, daß die meisten Kunden anrufen, weil sie sich Rat in einer hoffnungslosen Situation erhoffen. Meist betrifft das Liebe oder Finanzen, so werden diese Felder auch als erstes abgearbeitet und die Anruferin (in den allermeisten Fällen handelt es sich um Frauen in den Fünfzigern) ist erstaunt ob solcher „Hellsichtigkeit“. Dann werden meistens Allgemeinplätze abgegrast, Dinge wie „Du tust Dir zu wenig Gutes“, „Du wehrst Dich zu selten“ oder „Du warst immer wenig selbstbewusst“ – Dinge, die viele Menschen bejahen würden und die zudem verstärkt zu dem psychischen Profil der Anrufergruppe passen dürften. Zu diesen ganzen Floskeln gesellen sich entweder willkürliches Kartenwerfen, Omm-Gesänge, Energie-Übertragungs-Aerobic oder Heilsteinroulette, und schon ist der Eindruck der hellsichtigen, warmherzigen und weisen Abgesandten einer anderen Dimension perfekt. Zumindest für diejenigen, die es glauben wollen und bereit sind, ihr letztes Geld für ein wenig Hoffnung in den Rachen der Redaktion zu werfen.

Merlins Delphine aus Atlantis

Die erste Frage, die ich mir gestellt habe, als ich mich zum ersten Mal mit dieser grotesken Anderswelt beschäftigt habe, war diejenige, ob die Berater, die meist irgendwelchen nutzlosen Talmi (wertloser Schmuck oder gravierte Glasquader), den sie selbst „geweiht“ oder „energetisiert“ haben, nach ihren Beratungen im Shop verkaufen, selbst eigentlich glauben, was sie da in den Äther absondern. Wenn ja, so wird mir ganz anders – es ist ein nicht ganz ungefährliches Konzept, Dinge zu glauben und vehement zu vertreten, für die man nicht nur keine Belege hat, sondern die auch dem eigenen Kopf entspringen. Einfach ein paar Worte aus dem Esoterik-Bingo genommen (Energie, Quanten, Schwingung, Tachyonen, Matrix, Orgon, Aura, Chakra, Prana, Indigo, Kristall, Schamane, Photonen, Heilung, Wunder, Zauber, Clearing, Sterne…) und in den Mixer geworfen, schon hat man verstanden, wie die Welt funktioniert und ist der Meinung, die eigene Deutung sei die einzig richtige. Ähnliche Ansätze, basierend auf einer Unfähigkeit, den „Reality Check“ zu vollziehen – was an der evidenzlosen Hinnahme von Behauptungen liegt, zeigen religiöse Fundamentalisten. Eine Denkweise, die im schlimmsten Fall dazu führt, daß Menschen sich in die Luft sprengen. Das scheint mir typisch zu sein für eine Zeit, in der sich der Westen so sicher wähnt in der postaufklärerischen Episode, daß er gar nicht merkt, wie sehr er gerade zurück ins Mittelalter wandelt, wo man Klerikern und Quacksalbern wieder zuhört und sie reich macht.

Doch auch die zweite Möglichkeit nährt nicht gerade meine philantropischen Neigungen: die Vorstellung, wie jemand sich ein völlig absurdes Weltbild zusammenschustert, das er selbst als irrsinnig versteht, aber auch sieht, daß es sich gewinnbringend an Bedürftige verkaufen lässt, versetzt mich in Wut. Unlängst sah ich eine alte Bekannte aus der Premium-Knallchargen-Sammlung von AstroTV: Ariane Le Clerk ist der Name, und vielen Skeptikern dürfte sie bekannt sein, da sie einst versuchte, Plüsch-Energiedelfine (aus Atlantis, natürlich - mit dem Atlantis-Matrix-Quantenheilungscode) an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Damals dachte ich schon, das sei der Gipfel der Verrücktheit, doch mit ihrem neuerlichen Rundumschlag gegen den gesunden Menschenverstand hat sie mir zu verstehen gegeben, daß niemand, der nicht besser in einer geschlossenen Anstalt aufgehoben wäre, so etwas glauben kann. Zuerst saß das angemoppelte Medium selbstgefällig da und und beriet Zuschauer. Dabei wedelte sie mit einem länglichen, metallischen Gegenstand mit farbiger Glasspitze herum und verteilte allerlei Segenswünsche. Später identifizierte sie ihre Tischdekoration als „geweihte Kerzen aus Avalon“ und ihre Methode als „Star Clearing“, denn die Metallphallen sollten der Sternenlichttherapie dienen, die sie als „einziger Mensch auf der Welt“ beherrsche. Öfter mal redete sie mit ihrem Kumpel Merlin, der ihrer Angabe nach neben ihr stand und den geweihten Sternenlichtstangen Merlins Licht verleihe. „So kämpfe ich für meine Zuschauer!“, ließ sie immer wieder verlautbaren, nachdem sie in einem gespielten Streit mit der Regie noch ein paar verlängerte Einzelgespräche herausgeschlagen hatte. Im Angebot waren daraufhin entweder zwei Starclearings oder ein konkreter Rat von Merlin. Nach dieser bizarren Scharade war Frau Le Clerk im Shop zu sehen, wo sie neben dem göttlichen atlantischen Dreieck und dem Avatar Protection Elixir auf die Sternenlichttherapiestängel zu verkaufen gedachte (nur 130 Euro pro Stück, kaufen Sie am besten alle sechs!). Diese habe sie „unter Einsatz ihres Lebens“ in England, in Merlins Höhle, energetisiert. Doch keine Sorge, auch die Zuschauer, die ihre Stäbe vor der Reise nach England erworben hatten, könnten diese noch energetisieren lassen: am fünften jedes Monats, zwischen 22 und 23 Uhr, würden sich die Stäbe mit dieser Merlin-Energie aufladen. Zum Glück!
Falls Sie, verehrter Leser, sich fragen, was es mit den verschiedenen Lichtfarben auf sich hat, so schafft Frau Le Clerks mit Rechtschreibfehlern gespickte Homepage Abhilfe: dieses Licht ist kein normales Licht; es ist „mit den alten, geheimen Codierungen aus Atlantis und den Sternen verbunden“. Der auserwählte hohe Rat aus Atlantis stehe für die Sternkonstellationen Pate, lässt die gute Ariane uns wissen.

Die fünfte Dimension des Wahnsinns

Zum Abschluß wurde noch angekündigt, daß am 23.12.2013 die fünfte Dimension in diese Welt integiert werde. Auf ihrer Facebook-Seite tat sie Folgendes kund::

Der menschliche Abschaum sind übrigens wir Skeptiker. Ein weiterer schöner Gesichtspunkt dieser Form von Esoterik: die "Hellsichtigen" besingen sich gern selbst und gegenseitig, sind sie doch eine elitäre, weiter entwickelte Form der Menschheit!

Entweder, das ist klinischer Wahnsinn oder auf widerwärtigste Art skrupellose Geschäftemacherei. Für letzteres sprechen die vielen auf ihrer Homepage abgedruckten Dankesbriefe, die sie in den höchsten Tönen loben und irgendwie klingen, als seien einige davon von ein- und derselben Person geschrieben, die merkwürdigerweise die gleichen Rechtschreibfehler macht wie Frau Le Clerk selbst in ihren Texten… merkwürdig, nicht wahr?

Neben aller Kritik, die man an Astrologie an sich üben kann (ist das System noch intakt, wo Pluto doch kein Planet mehr ist? Wieso haben willkürlich ausgewählte, völlig verschiedenartige Objekte am Himmel [Planeten, Sterne, Monde...] eine Wirkung auf den Menschen? Wie erklärt sich, daß es keine stichhaltigen Beweise für diese Lehre gibt? Wird nicht auch hier mit Allgemeinplätzen und Suggestionen gearbeitet?], ekelt mich diese Geschäftemacherei am meisten.

Für mich wäre es vermutlich ein leichtes, mit entsprechendem Esoterik-Wortschatz-Bingo und freundlichem, gewollt-mysteriösen Auftreten viel Geld zu scheffeln und mich als Medium zu betiteln (wobei es wenig geheimnisvoll anmutete, als kürzlich eine stark schwäbelnde Tarot-Tante kundtat, daß sie in Wirklichkeit Fleischereifachverkäuferin sei), doch mir steht dabei etwas Entscheidendes im Weg: mein Gewissen. Ich brächte es nicht übers Herz, finanz- und verstandesschwache Menschen in Nöten derartig aufs Korn zu nehmen und dafür Geld einzustreichen. Ihnen falsche Versprechungen zu machen, auf die sie sich dann verlassen und ihr Handeln dementsprechend und mit ggf. schlimmen Folgen modifizieren.


Ich bin nicht einverstanden.

P.S.: Warte auf einstweilige Verfügung oder Klage. In 3, 2, 1, ...