Dienstag, 25. März 2014

Über die Probleme der Skeptiker

Warnung: in diesem Artikel werde ich Ansichten kundtun, die einigen Skeptikern sauer aufstoßen könnten. Mit großer Wahrscheinlichkeit werde ich mich unbeliebt machen. Wer sich fragt, wieso ich bisher keiner skeptischen Organisation beigetreten bin, möge weiterlesen. Wer sich leicht auf den Schlips getreten fühlt, eher nicht.

Jemand, der sich als Skeptiker bezeichnet, erhebt das Zweifeln zur Tugend. Er glaubt nicht „jeden Scheiß“, sondern fordert Belege für die Annahmen, die ihm präsentiert werden. Hitchens Razor fasst das ganz gut zusammen: „What can be asserted without evidence can be dismissed without evidence” – die Beweispflicht liegt also bei demjenigen, der eine Behauptung aufstellt. Auf diese Weise lehnt der Skeptiker beispielsweise Homöopathie ab: es gibt keinerlei Belege für die Wirksamkeit und die der Homöopathie zugrunde liegenden Prinzipien. Betrand Russels Teekanne[1] bringt es auf den Punkt: eine Behauptung muß falsifizierbar sein, um im wissenschaftlichen Diskurs auch nur entfernt Bestand zu haben.

[1] „Wenn ich behaupten würde, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gebe, welche auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreise, so würde niemand meine Behauptung widerlegen können, vorausgesetzt, ich würde vorsichtshalber hinzufügen, dass diese Kanne zu klein sei, um selbst von unseren leistungsfähigsten Teleskopen entdeckt werden zu können. Aber wenn ich nun zudem auf dem Standpunkt beharrte, meine unwiderlegbare Behauptung zu bezweifeln sei eine unerträgliche Anmaßung menschlicher Vernunft, dann könnte man zu Recht meinen, ich würde Unsinn erzählen. Wenn jedoch in antiken Büchern die Existenz einer solchen Teekanne bekräftigt würde, dies jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und in die Köpfe der Kinder in der Schule eingeimpft würde, dann würde das Anzweifeln ihrer Existenz zu einem Zeichen von Exzentrik werden. Es würde dem Zweifler in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit eines Psychiaters einbringen oder die eines Inquisitors in früherer Zeit.“ – Bertrand Russel, 1952

Russels Teekanne ist freilich eine Religionsanalogie. Sie lässt sich jedoch erweitern auf Ideen wie die Homöopathie: die Informationsübertragung an Wasser durch Potenzieren ist nicht belegbar, ebenso wenig kann man sie widerlegen. Die Idee ist metaphysisch und nicht greifbar. Zieht man dann noch Ockhams Rasiermesser hinzu [2], verbietet sich dem Skeptiker jegliche Annahme, die auch nur teilweise im Reich der Metaphysik beheimatet ist. Natürlich gibt es Phänomene, die wissenschaftlich noch nicht erklärbar sind, doch werden sich auch diese mit großer Wahrscheinlichkeit mit Hilfe potenziell falsifizierbarer Modelle erklären lassen.


Nun ist aber die Idee eines Gottes eine ganz und gar metaphysische, die, wie Russel es so schön darlegt, niemals widerlegbar sein wird – und bisher auch einen eklatanten Mangel an positiver Evidenz erkennen lässt. Ein wahrer Skeptiker muß also auch immer ein Atheist sein, oder, wie Richard Dawkins es ausdrückt, rein theoretisch ein Agnostiker, aber de facto ein Atheist, der sein Leben so lebt, als gebe es keinen Gott (bei sehr, sehr kleiner Restwahrscheinlichkeit für dessen Existenz, die jeder Mensch, der beispielsweise im Wissenschaftsbetrieb mit Zahlen arbeitet, als absolut vernachlässigbar erachten würde). Dennoch gibt es Gläubige unter den Skeptikern – und die Appeasement-Politik der Gruppierung verbietet (fatalerweise) eine öffentliche Äußerung gegen die abstrusen metaphysischen Behauptungen der Geistlichen sowie die daraus erwachsenden Forderungen und Gräueltaten. Ein wahrer Skeptiker ist – per Definition! – auch immer ein Atheist. Es sei denn, die Angst vor dem Tod / der Wunsch nach der auffangenden Hand Gottes / das Verlangen nach einer sinngebenden Instanz / … fördern eine Art Doppeldenk zu Tage, welcher plötzlich genau diejenigen Argumente aufkeimen lässt, die Skeptiker bei Alternativmedizin-Aficionados so verachten: die Anekdote („Aber das Gebet hat meiner Tante bei ihrer Krebserkrankung geholfen!“), die persönliche Erfahrung („Ich habe Gott einfach gespürt!“) oder den Vorwurf der Engstirnigkeit („Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde…“).
Ich würde einer Skeptikerorganisation beitreten, die sich entschieden gegen religiöse Verrücktheiten ausspricht und nicht zurückzuckt, als hätte sie eine heiße Herdplatte berührt, wenn es darum geht, Religion und das dadurch entstandene Leid auch im Lichte der wissenschaftstheoretischen Inkonsistenz zu verurteilen.

[2] Vereinfacht: Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält, die in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Das nächste große Problem der Skeptiker sind die Frauen. Die kommende Skepkon werde ich vor allem deswegen nicht besuchen, weil dort gerade mal zwei Frauen sprechen – nur eine davon steht allein auf der Bühne. Die üblichen Entschuldigungen lauten:
-         „Wenn sich nun mal nicht genügend Frauen bewerben…“
-         „Wir haben eben viele Männer mit interessanten Themen…“
-         „Das macht doch keinen Unterschied!“
Derlei Entschuldigungen kann man nicht gelten lassen. Vielleicht muß man das gute alte „Call for papers“-Verfahren grundlegend ändern. Ich habe auf der Skepkon 2013 gesprochen, wäre aber nie darauf gekommen, wenn man mich nicht – am Skeptikerstammtisch – darauf angesprochen hätte, ob ich mir das vorstellen könne. Vom CFP für die diesjährige Konferenz habe ich nicht einmal etwas mitbekommen, sonst hätte ich mich wohl beworben. Hier könnte man gezielt Frauen ansprechen und zur Teilnahme auffordern: es gibt wirklich genug Bloggerinnen, Autorinnen und auf andere Weise in Erscheinung tretende Frauen, die man hierfür hätte „rekrutieren“ können. Und die vielleicht von alleine nicht auf die Idee gekommen wären, dafür „qualifiziert“ zu sein.
Sicher ist es für viele Frauen kein Anreiz, in diese Männerdomäne hineinzuplatzen und sich vor den fast ausschließlich männlichen Sprechern (und mehrheitlich männlichen Zuschauern) beweisen zu müssen. Dieses Selbstbewusstsein nennt nicht jede Frau ihr eigen – zumal auch gerne mal, wie ich am eigenen Leib erfahren durfte, auf das Aussehen reduziert wird, was bei den Y-Chromosom-tragenden Kollegen eher selten geschieht.
James Randis „Amazing Meeting“ läuft schon lange erfolgreich mit einer 50%igen Sprecherinnenquote: durch die hohe Anzahl an Sprecherinnen fühlen sich viel mehr Frauen ermutigt, selbst aufzutreten und, viel wichtiger: sich mit solchen Themen überhaupt zu befassen. Sicher haben viele Frauen auch eine andere Art und Weise der Aufarbeitung und Präsentation solcher Themen, die für einen Verein, der in hoher Zahl weiße Männer mittleren Alters angehören, reichlich frischen Wind bereithalten könnte.
Ein weiteres Symptom dessen, was hier schief läuft, ist, daß sich im GWUP-Vorstand eine einzige (!) Frau befindet…


 Was ich auch sehr schwierig finde, ist die Tendenz, das Zweifeln zum Dogma zu erheben, die ich v.a. unter GWUP-Mitgliedern bemerkt habe. Bitte nicht falsch verstehen: einen gesunden Zweifel allem gegenüber, was nicht belegt, nicht belegbar und nicht widerlegbar ist, halte ich für richtig, ja, sogar für notwendig. Allerdings bin ich davon überzeugt, daß der Skeptizismus auch davon lebt, sich von Belegen überzeugen zu lassen. Ich gehe mit einer grundlegenden Offenheit an neues heran und versuche, Voreingenommenheit („Bias“) zu vermeiden. Würden unabhängige Untersuchungen zum Thema Homöopathie plötzlich mit einer Reihe plausibler Erklärungen, eindeutiger Daten bezgl. ihrer Wirksamkeit und Erläuterungen darüber aufwarten, weshalb die jahrelang betriebene Forschung keine brauchbaren Belege produzieren konnte, würde ich meinen Standpunkt zugunsten der Homöopathie nach eingehender Prüfung ändern. Ich fürchte, das könnten nicht viele von sich behaupten, ist doch die liebgewonnene Meinung ein fester Bestandteil der Identität geworden. Bestandteil meiner Identität jedoch ist das intellektuelle Instrumentarium des Skeptizismus, des Hinterfragens – nicht dessen Ergebnisse, denn diese können sich ändern.
Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist Meditation. Nachdem ich mich umfassend über (Achtsamkeits-)Meditation informiert habe, bin ich selbst begeisterte Praktizierende geworden. Auch Yoga mache ich sehr gerne. Doch dafür wurde ich in Skeptikerkreisen bisher ordentlich angefeindet. Warum? Weil es erstmal nach Esoterik klingt, klar. Da greift dann der Skeptiker-Reflex: anstatt nach Belegen zu fragen, derer es zahlreiche gibt, wird erstmal gegiftet. Meditation kann eine signifikante Umorganisation in der neuronalen Struktur des Gehirns bewirken – zahlreiche klinische Studien belegen einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit von Angst-, Zwangs- und Depressionspatienten. Zudem wirkt die Achtsamkeitsmeditation schlichtweg entspannend.
Genauso verhält es sich mit Yoga: dieses kann man gänzlich unesoterisch betreiben. Der Körper wird gefordert und die gezielte Atmung fördert die Entspannung (so aktiviert beispielsweise die verlängerte Ausatmung den Vagusnerv, was zu einer Senkung der Herzfrequenz führt). Dem Interessierten möchte ich an dieser Stelle Literatur von Ulrich Ott ans Herz legen, der beispielsweise im Buch „Meditation für Skeptiker“ sehr mühevoll Studie an Studie reiht und streng wissenschaftlich argumentiert. Hier jedoch grundsätzlich eine ablehnende Haltung obwalten zu lassen ist genau das, was Skeptizismus nicht sein soll. Gefragt ist eine aufmerksame Introspektion, ein konsequentes Hinterfragen der eigenen Denkweise und Motive, um nicht auf den inneren Dogmatiker hereinzufallen. Leider sind sich viele dessen nicht bewusst.

Zuletzt noch ein Wort zur Öffentlichkeitsarbeit. Die Skeptiker mögen es gerne sachlich, faktenbezogen und nüchtern. Die Öffentlichkeit nicht. „Preaching to the choir“ ist zwar eine gemütliche Sache, bringt aber genau – der werte Leser ahnt es bereits – nichts. Sich vor eine Horde skeptischer Menschen zu stellen und zu erzählen, weshalb TCM doof ist, um ein paar nickende Köpfe und rauschenden Beifall zu ernten ist zwar bequem, aber von geringem kommunikativem Wert. Klar werde ich das auch weiterhin tun, um Menschen, die denken wie ich, Informationen zu liefern und Argumente an die Hand zu geben, aber ich halte dieses Konzept für schwierig und allenfalls einer „Mia san mia“-Mentalität zuträglich. Wenn man aber Dinge verändern will, muß man ordentliche Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Und das funktioniert nicht mit einer trockenen Aneinanderreihung überzeugender Daten – selbst wenn sie noch so laienverträglich formuliert. Da muß die Skeptikergemeinde noch vieles lernen und nicht jeden verurteilen, der auf Populärmedien ausweicht. (Aber dafür sindwir ja da…). Auch interaktive Veranstaltungen mit Esoterik-Aficionados und Gläubigen so wie Fence-sittern halte ich für sinnvoll – denn nur hier kann man Menschen noch davon überzeugen, daß ein von ihnen vertretener Standpunkt vielleicht doch eher Unsinn oder eine Idee, mit der sie seit einer Weile flirten, argumentativ nicht haltbar ist.


 Alles in allem müsste die Skeptikergemeinde einige Veränderungen durchlaufen, ehe ich einer solchen Organisation beitreten würde. Ein klares Bekenntnis gegen Religion und alles Nicht-Falsifizierbare; ein klares Bekenntnis zu Frauen und aufrichtige Anstrengungen, das weibliche Geschlecht aktiv in die Skeptikerreihen einzugliedern; kontinuierliche Selbstreflexion und eine Verjüngungskur inkl. Dialog-Orientiertheit und wirksamer Öffentlichkeitsarbeit. Das wäre doch schön. 

Freitag, 14. März 2014

Hokuspokus und TCM

Liebe Leser,

ich habe eine freudige Ankündigung zu machen, für die ich aber etwas ausholen muß. Die Uni-Ausgabe der Deutschen Apothekerzeitung (UniDAZ) hat zwei Artikel von mir veröffentlicht! Das lief so: ich wurde gebeten, einen Artikel über Traditionelle Chinesische Medizin zu schreiben, da man auf meine Undercover-TCM-Recherche aufmerksam geworden war. 
Nachdem ich den Artikel geschrieben hatte, bat man mich um die Zweiteilung in einen Fachartikel und einen Kommentar. Bei letzterem konnte ich mich austoben, was mich ziemlich freute - dieser Kommentar erscheint weiter unten in diesem Blogbeitrag. 
Cornelius Courts veröffentlicht auf seinem Blog BlooD'N'Acid den ursprünglichen Artikel (vor der Zweiteilung). Hier ist der Artikel zu finden (klick).

Nun aber erstmal der Kommentar, der sensationellerweise so in einem Magazin abgedruckt wurde, das kostenlos an alle Pharmaziestudentinnen und -studenten Deutschlands ausgegeben wird.

Kommentar: Hokuspokus auf dem Vormarsch

Ich muss zugeben, dass es mich ein wenig schmerzte, die der TCM zugrunde liegenden Gedankenkonstrukte im Indikativ niederzuschreiben: das verleiht ihnen einen Grad an Seriosität, der solchen Märchen eigentlich nicht zusteht. Theorien wie diese entziehen sich jeder wissenschaftlichen Untersuchung und sind daher nicht als glaubwürdig zu betrachten. Genauso so gut könnte ich behaupten, dass der Mensch von unsichtbarer Einhornstrahlung angetrieben wird und jedes Mal krank wird, wenn in Atlantis ein Einhorn stirbt.
Doch die Wichtigkeit wissenschaftlicher Belegbarkeit scheint im deutschen Gesundheitssystem zunehmend an Bedeutung zu verlieren. Homöopathie, Bachblüten und Schüsslersalze stehen nicht nur bei den Kunden hoch im Kurs und verhelfen vielen Apotheken zu schwarzen Zahlen – ihr irrationaler Siegeszug setzt sich in den Hörsälen deutscher Universitäten fort. So sind TCM und Homöopathie ganz selbstverständlicher Bestandteil des Medizin- und Pharmaziestudiums geworden, vielerorts von einschlägigen Stiftungen finanziert und unkritisch vorgetragen. Die Statistikprüfung hingegen ist ohne großen Lernaufwand nach zwei Wochen Blockvorlesung abgehandelt. Dieses Missverhältnis sagt viel aus darüber, was im Gesundheitswesen schief läuft.
Studenten werden nicht mit der wissenschaftlich-kritischen Methode konfrontiert und kommen daher gar nicht auf die Idee zu fragen, wie geschütteltes Wasser und stark verdünnte Salze denn wirken können und wie es mit der Beweislage aussieht. Sie können gute nicht von schlechten Studien unterscheiden und sind dazu verdammt, alles zu glauben, was ihnen entsprechend präsentiert wird (und Geld ins Haus bringt).
Das ist auch der Eindruck, den ich aus dem Praktikum im Dschungel des Irrsinns mitgenommen habe: Märchengeschichten sind gut, solange man groteske Summen dafür verlangen kann. Kryptisches Geschwurbel um einen eventuell vorhandenen Milz-Qi-Mangel, ein „rebellisches“ Qi oder „pervertierte Körperflüssigkeiten“ sind dabei nur Teile von einem aus Geld, Zeit und Placebo-Effekt bestehenden, äußerst ertragreichen Gesamtkonzept.
Dabei werden auch Unannehmlichkeiten und Gefährdungen in Kauf genommen; die Dekokte sind unappetitlich und sicher keine Gaumenfreude, die Zutaten sind zum Teil giftig und gefährlich. Es darf bezweifelt werden, dass eine esoterisch-spirituelle Ausbildung, der sich viele Heilpraktiker unterziehen, Kompetenzen in diesem Bereich verleiht. Zudem ist das Risiko von Verschleppung und Verschlimmerung wirklich behandlungsbedürftiger Krankheiten groß und hat schon einige Todesopfer gefordert.
Die „alternativen Therapierichtungen“ wie Homöopathie oder eben auch TCM haben bisher keinerlei Wirksamkeitsnachweis in unabhängigen, qualitativ hochwertigen, randomisierten Doppelblindstudien mit großem Probandenkollektiv erbracht. Deren Wirkung beruht allein auf dem Placeboeffekt (den im Übrigen auch richtige Medikamente, neben einer Hauptwirkung, mit sich bringen). Doch weil das Ganze so lukrativ ist, durchseucht die Esoterik mehr und mehr das Gesundheitswesen in Deutschland und Europa.
„Wer heilt, hat Recht!“ tönt es einem dann immer höhnisch entgegen, doch damit enttarnt sich der Sprechende als inkompetent. Denn wer oder was denn eigentlich heilt, ist in solchen Fällen nicht eindeutig zu identifizieren. War der Geheilte denn überhaupt krank? Ist der Zustand nicht vielleicht von alleine gewichen? War ein zuvor abgesetztes synthetisches Medikament nicht doch der Auslöser der Heilung? Oder ist es nur angenehm, dass dessen Nebenwirkungen schwinden? Wer heilt, ist also zunächst einmal unbekannt. Man müsste dem Phrasendrescher dann schnell zurufen, dass Korrelation und Kausation nicht dasselbe sind: ein zeitlicher Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen bedeutet nicht, dass eines das andere ausgelöst hat. Niemand, der dem Kindesalter entronnen und bei Verstand ist, würde annehmen, dass die Vollständigkeit der eigenen Nahrungsaufnahme einen Einfluss auf das Wetter am Folgetag hat: wieso glaubt man dann, dass Zuckerkügelchen eine Bronchitis geheilt haben? Die letzten, die erfolglos so argumentiert haben, waren die Azteken, die jeden Tag ein Menschenopfer erbrachten, damit am nächsten Tag die Sonne aufgehe. Und auch der oft zitierte Satz „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt“ wird dem skeptischen Menschen oft entgegengeschleudert. Doch dieser beruht ebenfalls auf einem logischen Fehlschluss: zu dem verborgenen Dingen zwischen Himmel und Erde muss nicht zwangsläufig das Wirkprinzip der Homöopathie oder die Existenz von Qi und Meridianen gehören. Sonst könnte ich auch darauf bestehen, dass sich in diesem ominösen Äther meine vorhin angesprochene Einhornenergie befindet.
Es ist völlig inakzeptabel, dass die Ausbreitung solch hanebüchener und mit der modernen Naturwissenschaft in keiner Weise zu vereinbarender Konzepte nicht nur hingenommen, sondern von Universitäten, Ärzten, Apothekern, Krankenkassen und dem Gesetzgeber auch noch vorangetrieben wird. Patienten verdienen eine Behandlung nach aktuellsten wissenschaftlichen Standards – keinen Hokuspokus mit Zauberwasser und Fledermauskot.