Freitag, 18. Juli 2014

Meine zwei Pfennig zum Nahost-Konflikt

In einem Science-Paper von Professor Stuart Pimm (Duke University), das vor nicht allzu langer Zeit erschien, wird die Möglichkeit ausgeleuchtet, daß sich die Welt am Rande des nächsten großen Aussterbens befinden könnte. Eine weitere Forschungsarbeit setzt sich damit auseinander, daß die (westliche) Zivilisation mit großen Schritten auf den Niedergang zuschreite.
Wenn man sich momentan die Nachrichten betrachtet, könnte man den Eindruck gewinnen, daß sie nicht nur schreitet, sondern rennt: einer meiner Top-Kandidaten für das Weltenende (neben Asteroiden, tödlichen Gamma-Strahlen und Supervulkanen) ist ja die menschliche Dummheit und die daraus resultierenden Konflikte. Da schießt man in Osteuropa „aus Versehen“ einPassagierflugzeug ab und egal wie es ausgeht – Eskalation ist vorprogrammiert. Die ISIS will einen islamistischen Staat errichten (dem im Laufe der Zeit übrigens auch die südeuropäischen Staaten angehören sollen) und massakriert dafür dutzende, hunderte, vielleicht sogar tausende Zivilisten und Soldaten.
Und ganz aktuell: die Lage im Nahen Osten eskaliert mal wieder. Ich bin keine Fachfrau und erhebe hier keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, aber dieser Konflikt tobt bereits seit meiner Kindheit, er war immer da – und er wird es vermutlich auch immer sein. Wieso halte ich es also ausgerechnet jetzt für nötig, etwas dazu abzusondern? Aus zwei Gründen: der erste ist die rasende Eskalation, mit welcher man momentan auf allen Kanälen konfrontiert wird; der zweite ist die uneingeschränkte Loyalität, die viele meiner Bekannten mit großer Emphase einer der beiden Parteien angedeihen lassen.
Die einen finden, daß man uneingeschränkt hinter Palästina stehen müsse, einfach aus Gründen des Glaubens (was ich angesichts des islamistischen Charakters der Hamas äußerst unappetitlich finde), die anderen halten aus rechtskonservativen Gründen zu Israel (einfach, weil „die Linken“ Israel doof finden). Hier Partei zu ergreifen und wie bei einem Fußballspiel die eigenen Favoriten anzufeuern, während man die anderen verunglimpft, erscheint mir recht unangebracht. Ich sage nicht, daß ich es besser mache mit meinem Standpunkt, aber es stößt mir sauer auf.
Hier ein paar „Grundannahmen“:

Seit dem Beginn der Eskalation sind, bis zum jetzigen Zeitpunkt, knapp 1400 Raketen auf Israel abgefeuert worden.
Seit dem Beginn der Eskalation wurden auf Seiten der Palästinenser mehr als 200 Menschen getötet.
Auf israelischer Seite wird bisher ein Todesopfer vermeldet.
Die Hamas hat wiederholt Angebote zur Waffenruhe ausgeschlagen.
Und heute hat Israel 70.000 Soldaten mobilisiert, um eine Bodenoffensive gegen die Hamas zu starten.
[Informationen gemäß des zum Zeitpunkt des Verfassens neuesten Stands - div. Quellen]

Zwei Dinge werden hier für mich deutlich:
1) Der Hamas ist es offenbar relativ egal, daß sie mit dem wiederholten Ausschlagen einer Waffenruhe - im Wissen, daß Israel für jede Rakete Vergeltung am palästinensischen Volk üben wird und mit dem Trotz eines sturen, pubertären Nichtsnutz – das eigene Volk, dessen Interessen sie zu vertreten glaubt, wissentlich und fahrlässig in Todesgefahr bringt.
2) Nicht einmal mit zwei zugedrückten Augen kann man hier von einem Notwehrexzess Israels sprechen. Die Hamas scheint größtenteils Bomben abzufeuern, die den Israelis bestenfalls ein müdes Lächeln abringen können (zum Glück!). Das Maß, in dem Israel zurückfeuert, ist völlig „out of proportion“ (zumal die Bevölkerung in Gaza sich nicht mal eben in Schutzbunker retten kann, da diese dort Mangelware sind).

Ich frage mich also: wenn ein zwei Meter großer, muskelbepackter Koloss von einem schmächtigen Winzling, der einen bebrillten und harmlosen Kumpel im Gepäck hat, mit Kieselsteinchen abgeworfen wird, die ihm meist nur ein leichtes Jucken an der getroffenen Stelle bescheren (ohne hier den verstorbenen Israeli damit gleichsetzen zu wollen, aber so viel Sensibilität wird mir ja hoffentlich seitens der Leserschaft zugetraut), sollte der Riesenmann dann wie wild um sich schlagen und sowohl dem Knilch als auch seinem eigentlich unbeteiligten Freund einen Fausthieb nach dem anderen versetzen, bis sich das Gesicht des letzteren in eine breiige Masse verwandelt hat? Und sollte der Aggressor einfach weiter seine Kieselsteinchen werfen, obwohl er sieht, wie sehr sein Kumpel darunter leidet? Die Antwort auf beide Fragen lautet Nein. Und es gibt auch einen Grund, weshalb man ein solches Szenario im wirklichen Leben und im Kleinformat eher selten vorfindet.

Aber im großen Maßstab findet man das wohl. Der Grund hierfür ist alt – sehr alt. Er ist die Wurzel der meisten Übel. „Us and them“-Mentalität können, meiner unmaßgeblichen Meinung nach, in einem schadhaften Maße nur zwei Phänomene generieren, die gar nicht so weit auseinander liegen: Faschismus – und Religion. Und genau diese Religion macht Menschen immun gegen das Leid anderer, weil es Leid nicht mehr zur Grundlage ihrer Ethik, ihrer Moral erhebt. Religion hat die Juden zum gejagten Volk gemacht, und der Glaube, Gottes auserwähltes Volk zu sein, hat dazu beigetragen, daß 1948 der Staat Israel in einer mehrheitlich von Arabern bewohnten Region ausgerufen wurde (allerdings mit Billigung durch die UNO). Am Tag nach der Staatsgründung begann der erste Religionskrieg in Gaza zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden und Moslems – und seitdem hat er nicht mehr aufgehört. Jetzt treibt Religion die Hamas an, hunderte Israelis töten zu wollen, um ihrem göttlichen Plan gerecht zu werden.


Hier befeuern sich Religion und Patriotismus gegenseitig, Dogma wird hier großgeschrieben und der Hass von Generation zu Generation weitergereicht. Keine der beiden Seiten ist im Recht. Und wäre dieser Konflikt ohne Religion zustande gekommen? Und würde er ohne Religion andauern? Darüber lässt sich nur spekulieren – ich jedoch denke: nein. Religion war hier das Zündholz und ist jetzt das Öl.