Montag, 15. September 2014

Maligne Hippies - Besuch bei der Montagsmahnwache

Als ich am Montag abend um kurz vor 18 Uhr aus der Bahn steige, um den Veranstaltungsort der so genannten „Montagsmahnwache“ zu betreten, ist es warm und mild – eine leichte Brise umweht meinen leider nicht in die passende Verkleidung gehüllten Körper. Die Veranstalter haben Glück mit dem Wetter, dennoch sehe ich noch keine Menschenmassen auf den Platz strömen, an dem mir knapp 30 Minuten später meine Lebenszeit gestohlen werden wird. Einige fleißige Helfer sind jedoch schon da, beschriften ein Denkmal mit Kreide und bauen eine Soundanlage auf. Drei Polizeibeamte laufen vorbei und schauen argwöhnisch drein; sie ahnen wohl schon, was kommt. Im Gegensatz zu mir.

Im Laufe der nächsten halben Stunde füllt sich der Platz mit Menschen – die meisten von ihnen sind sehr jung und nur knapp die Hälfte scheint den Gebrauch von Schuhwerk für ein sinnvolles Unterfangen zu halten. Die Häupter sind meist von Dreadlocks gekrönt und mit Piercings verziert; die Leiber in bunte, weite und ausgewaschene Kleider im Ethno-Look gehüllt. Ich, ganz leger und mit einem allenfalls esoterisch angehauchten Make-Up, falle sofort auf. Hier raucht ein Mann direkt neben einem Vater, der sein etwa einjähriges Kind im Arm hält, dort erklingt weinerliches, pseudo-pazifistisches Gejammer aus der schlecht ausgesteuerten Soundanlage. Regenbogenfahnen flattern im Wind, auf ubiquitär angebrachten Bannern wird man mit ebenso abgegriffenen wie einfallslosen Floskeln („Make love, not war!“ / „Stop the moneypulation!“/ …) überschüttet, ein großes Pappherz an einem Holzstab wird wie ein Szepter zwischen den Organisatoren herumgereicht. Nach ein paar Minuten steigt mir der (bei mir stets Übelkeit und Kopfweh hervorrufende) Geruch von Räucherstäbchen in die Nase, die ein Pulk von offenbar dem Rauschmittelkonsum nicht abgeneigten Menschen neben einer Picknickdecke platziert und angezündet hat.

Achso! Ja, dann...
„Hallo? Hallo? Test, Test, Test!“ Die Anlage knackt und quietscht, als ein gutmütig aussehender junger Mann die Veranstaltung eröffnet. Es sieht alles so ruhig, so sehr nach Liebe und Frieden aus, daß ich ernsthaft an meinem Vorhaben zweifle. Das sind ja doch nur Hippies, die denken, daß sie mit drei Bannern und einer Gitarre den Weltfrieden beschwören können. Es erscheint mir absurd, in diesen Kreisen mit verschwörerisch-aggressiven Theorien (Stichwort „Infokrieger“) konfrontiert zu werden. Das könnte ein wirklich langweiliger Blogeintrag werden, immerhin könnte ich aber Entwarnung geben: die Montagsmahnwachen hier sind harmlos. Als dann auch noch ein Gitarrenknilch mit Hippie-Kopfschmuck ans Mikrophon tritt, bin ich drauf und dran zu gehen. Er singt davon, glücklich zu sein, zu tanzen und zu springen, mit dem Verfügbaren zufrieden zu sein, dem Zuhörer „die Tür zu öffnen“. Die Qualität der Reime ist vernachlässigbar („Wir sind hier / Und öffnen Dir die Tür“), die Gitarre nicht gestimmt und die Stimme, naja, nennen wir es mal „unerfreulich“. Nach dem Applaus (auch ich klatsche zögerlich, um nicht negativ aufzufallen) der mittlerweile ca. 80 Anwesenden betritt nun ein drahtiger, junger Mann die Bühne. Er wirkt hektisch, als dränge das, was er zu sagen hat, aus ihm heraus. Seine Art zu sprechen offenbart, daß er seine Worte für ein Geschenk an die Menschheit hält. Eigentlich ist es mein Plan, mir einen „Vortrag“ anzuhören und danach noch ein paar Gespräche zu führen, aber mich überkommt kurz der Gedanke, daß das kein fruchtbares Unterfangen sein könnte. 

Doch dann beginnt der ganz in schwarz gekleidete Mann, der nervös seine offenen Springerstiefel über den Boden scharren lässt, von seiner Transformation zum „Infofrieder“ zu erzählen. Altenpfleger sei er gewesen, dann wegen einer psychischen Erkrankung sozial abgestiegen und führe jetzt ein Nassauerleben. Irritiert habe ihn, daß 9/11 nicht so abgelaufen sein kann, wie die Medien es darstellen – ich drücke „Record“ auf meinem Aufnahmegerät. Vor seiner Rede hat man lang und breit erklärt, daß es hier um nichts weniger als den Weltfrieden ginge, doch offenbar gehört auch eine Portion Verschwörungstheorie mit dazu. Ich bin gespannt: er verspricht konstruktive Vorschläge zur Lösung aller Probleme der Welt, daran bin ich wohl auch interessiert. Und dann sagt er, er werde nur Dinge vorstellen, die „erwiesen“ sind. In Doppelblindstudien getestet. „Das, was wir ja immer fordern.“ Habe ich etwas nicht mitbekommen? Bin ich jetzt doch auf einer Skeptikerveranstaltung gelandet? Der junge Mann beginnt mit seinen Lösungsvorschlägen. Davor, daß wir immer nur manipuliert werden (von wem, sagt er nicht), schütze nur das Ablegen der Urängste vor Arbeitsplatzverlust und Geldverlust (klassische Urangst) und das Etablieren einer ganzheitlichen Weltsicht. Er wirbt für das, was er als „Hermetik“ bezeichnet: es gibt keine Zufälle, kein Glück: es handelt sich bei allem um die quasiphysikalischen Gesetzmäßigkeiten der feinstofflichen Welt. Und „wenn man sich damit beschäftigt, dann merkt man, daß es funktioniert“. Okay, ich bin jetzt bereit für wirkliche Vorschläge zum Erschaffen einer friedlichen Welt. Weiter geht’s. Homeschooling wird angepriesen, da es im Schulsysten ja schließlich darum geht, Kinder zu manipulieren, Intelligenz wird bewusst nicht gefördert. Applaus. Er referiert weiter, ohne Punkt und Komma, prangert die Konsumgesellschaft und die Förderung von Vorurteilen an, fordert zum Boykott der Politik auf. Immer wieder zeichnet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ab, das zeigt: er spricht hier nicht zu Menschen über andere Menschen, nicht zu Gleichen, sondern zu Wissensdurstigen Lehrlingen über eine Menschheit, der er sich klar überlegen fühlt. Seine Bewegungen sind ausladend, die pochende Halsschlagader zeichnet sich unter seinem tätowierten Hals ab. Er weiß, was er tut. Er weiß, daß er ein Werkzeug zur Rettung der Welt ist.

Er berichtet von Methoden zur Energiegewinnung, die kostenlos und abgasfrei sind. Er berichtet von der Beschaffenheit von Magnetfeldern, von denen „man herausgefunden“ habe, daß sie gar nicht so aussähen wie auf den Bildern in den Schulbüchern. „Das könnte ein Schritt in Richtung freie Energie sein“. Den aktuellen Stand der Forschung findet man allerdings nur auf youtube-Videos, sagt er, nicht ohne sein wissendes Lächeln wieder hervorzuholen. „Das ist oft so: die interessanten Dinge, die noch kein Budget haben, die findet ihr nicht auf ARD oder ZDF, die findet ihr nur auf youtube.“
Er spricht in Superlativen. „Das ist die ölhaltigste Pflanze der Welt.“ Mit Algen könne man alle Energieprobleme lösen. Daß Öl nicht gleich Öl ist, scheint er nicht begriffen zu haben. Daß „die“ ™ am Geldhahn sitzen und die Verbreitung dieses Wissens verhindern, hingegen schon. Und schon kommt das nächste Buzzword: Nikola Tesla, der uns allen die freie Energie hätte bringen können. Langer, lauter Applaus. Weitere kreative Ideen zur Energiegewinnung folgen: so findet er, man könne doch endlich anfangen, die „dunkle Energie“ zu nutzen oder Autos mit Wasser zu betriben. Ein Rezept dafür hat er allerdings nicht. Er verweist nur darauf hin, daß das alles „böse Verschwörungstheorie“ sei.
Das Buzzword-Dropping geht weiter: „Urzeitenergie“, „alte Informationen im Erbgut“, „Pharmalobby“, „Plastik im Blut“, „Gebt das Hanf frei“. Ja, daß die Freigabe von Marihuana den Weltfrieden fördert, glaube ich sofort. Alkohol sei zu nichts gut, außer sich zu besaufen (naja, lassen wir chemische Synthese, Lösemittelfunktion, Desinfektion und viele weitere außer Acht), Hanf sei der Stoff der Zukunft. Immer wieder bückt er sich, blättert in seinem Notizbuch, versucht vergeblich, einen roten Faden zu finden. Er sammelt sich kurz, kommt dann auf „umprogrammierbare Mikroorganismen“ zu sprechen, welche die Radioaktivität aus dem Boden fressen und dazu nur von „gut“ auf „böse“ programmiert werden müssen.


Ich stehe mittlerweile ungläubig da. Jedes einzelne Verschwörungs- und Esoterikkonzept, das in der Welt existiert, scheint sich im Gehirn dieses Mannes eingenistet zu haben. Immer wieder unterbricht Applaus seinen Vortrag, den ich leider nicht einmal unter Aufbringung all meiner Willenskraft mittragen kann. Ich bin völlig damit beschäftigt, die Fassung zu wahren und nicht einmal dann das Gesicht zu verziehen, als er von Orgonenergie spricht und davon, wie man das Mobiltelephon zu halten hat, damit nicht der Elektrosmog das Hirn verschmoren lässt. Es gelingt mir nicht.
Endlich kommt er zu meinem Lieblingsthema: Gesundheit. Akupunktur und Akupressur haben das Vorhandensein der feinstofflichen Energiebahnen bewiesen. Und nicht nur das: „Wir wissen ja mittlerweile ™, dass es ein Energiefeld gibt, das aus dem Körper herausragt“, ruft er aufgebracht, „dann ist doch klar, daß über solche Energien auch Handauflegen heilen kann! Wir denken ja nie zu Ende“. Sein Blick scheint zu brennen. Ist es Leidenschaft oder Narzissmus? Ist es wahre Verzweiflung oder ein elitistischer Zynismus? Was es auch ist, es wird von den Zuhörern honoriert.
Es geht weiter: Epigenetik. Einfluss auf unsere Gene habe unsere Denkweise, welche die Gene im Laufe des Lebens „umarrangiert“. Das Konzept der Genetik stimme so nicht: ich bekomme nicht Bauchspeicheldrüsenkrebs, weil meine Eltern das hatten, sondern weil ich mir aufgrund dieser Information einbilde, ihn zu kriegen. Und dann kommt er auch. „Garantiert.“ Ich fröstele ein wenig bei dieser menschenverachtenden „Selbst schuld!“-Einstellung, doch bin ich offenbar die einzige, der es so geht. Übrigens wirke Chemotherapie nicht (lieber Heilsteine nehmen, da hat er auch ganz viele Anekdoten dazu). Im Publikum zündet sich ein eifrig nickender „Infofrieder“ eine Pfeife an.

Nachdem er noch über die metaphysischen Effekte der Meditation gesprochen hat, die er in einem wirren Experiment mit ominösen „Zufallsgeneratoren überall auf der Welt, die verrückt spielten, als Lady Di beerdigt wurde“ bewiesen sieht, wirbt er für vegane Ernährung, verteufelt Milch und Exportwirtschaft.
Den Klassiker (Wassergedächtnis) hebt er sich bis zum Schluss auf. Wiederholt hat er angekündigt, er sei gleich fertig, macht aber fast schon zwanghaft weiter, bis er wirklich alles erzählt hat, das ihm auf der Seele brannte. „Die ganzen Probleme, die wir jetzt haben, können wir mit diesen Sachen lösen“, beendet er seinen Vortrag. Der Ankündigungsmensch erzählt, es gebe am Ende einen „Open Mic“-Part. Ich bin kurz verführt, einen „Seid ihr eigentlich alle bescheuert?!“-Rant aufzuführen, als „der Lars uns noch einen Song“ zu spielen sich anschickt. In Anbetracht der Tatsache, daß ich vermutlich vom Kollektiv gesteinigt würde, verwerfe ich den Gedanken wieder. Der Gitarrenknilch setzt an, die Hörerschaft über sechs Strophen hinweg zu foltern. Er grölt, fiepst, raunt und winselt von „Zusätzääää[n] in unserem Essen“, die „Denken schwächen, Krankheit fördern“. Die Protestfreunde wippen zu der einfallslosen Melodie, nicken eifrig und sind überzeugt. Passanten bleiben stehen, sagen „Da hat er Recht“ und „Allerdings!“, nur ich halte mir die Ohren zu und verlasse nach gut 90 Minuten dieses Spektakel. Ich kann es nicht mehr länger aushalten. Ungläubig puste ich meine Wangen auf und betrachte mir, wie auch schon dutzende Male während des nicht enden wollenden Vortrags, den leicht bewölkten Abendhimmel. Diese Menschen sind nicht, wie ich ursprünglich annahm, harmlos und gutartig. Das unterscheidet sie von vielen 68er-Hippies, die nur Musik hören, Frieden leben und sich lieb haben wollten. Diese malignen Hippies verbreiten menschenfeindliche Ideen, untergraben wirklich kritisches Denken und ziehen Menschen in einen Strudel aus wirren Ansichten, Elitarismus, ungesunden Vorstellungen von der Welt, der Gesundheit und dem menschlichen Körper. Ich schleppe mich zurück zur Bahnstation und bin fertig mit der Welt. Betrachte mir die Menschen, die – zum Glück von alledem (noch) nichts ahnend – ihrer Wege gehen und hoffe, daß sie nicht eines Tages aus Versehen auf einer solchen Veranstaltung landen und diese wirren Konzepte zu ihren eigenen machen.

An der Bahnhaltestelle. Faith in humanity: lost

Als ich heimkomme, fragt mich mein Partner, ob dort auch Parolen wie „Die ganzen Ausländer nehmen uns die Orgonstrahlen weg!“ fallen. Ich denke kurz nach. Für ganz abwegig halte ich es nicht. 

Dienstag, 9. September 2014

Mein kleines AfD-Intermezzo

Achtung: es folgt ein in Teilen polemischer Beitrag

Wer macht eigentlich eine Partei aus? Sind es die Führungsleute, die verkünden, man solle lieber kein "Happy Birthday" mehr auf Kindergeburtstagen singen? Sind es die Pressesprecher, die braune Anwandlungen immer wieder von sich weisen? Oder sind es gar die übrigen Mitglieder, die "Basis", die aufgrund einer bestimmten Geisteshaltung Trost in dieser Partei findet? Ich finde ja, der "Grundton" einer Partei wird von der Mehrzahl ihrer Mitglieder konstituiert, und wie es in deren Köpfen so aussieht, habe ich mir heute zu Gemüte geführt. Hier aber erstmal der Stein des Anstoßes: ich sah folgenden Beitrag auf Facebook

Hier und im Restartikel gilt: click to enlarge
Der Imperativ am Ende des schmierigen Schmierbeitrags hat mich derart aufgeregt, daß ich ein so trotziges wie nutzloses "NEIN." daruntersetzen wollte. Dann machte ich aber den Fehler, mir die restlichen Kommentare durchzulesen. Ich muß sagen, ich wurde nicht enttäuscht - da findet sich alles, was sich laut den öffentlichen Vertretern dieser Partei dort nicht finden sollte. Fangen wir an mit lauen ausländerfeindlichen Parolen und rechtspopulistischen Aussagen:


Ich bin ja selbst nicht der größte Merkelfan... dennoch finde ich die menschenverachtenden und niveaulosen Bemerkungen zu ihr und anderen Menschen höchst bedenklich:


Auch an Verschwörungstheorien mangelt es durchaus nicht.


Und dergleichen mehr. In Anbetracht dieser Äußerungen (man beachte auch die "Likes") konnte ich es nicht beim bloßen "Nein" belassen - gut, besonders sachlich war mein Kommentar nicht, aber was darauf folgte, war wohl kaum angemessen... hier also erstmal mein äußerst sachlicher Text.


Kurz darauf kam schon die erste Antwort:


Das sagt doch schon einiges, oder? Kurz darauf änderte mein neuer Freund "Muro Max" seinen Text zu "Lampedusaflüchtling" und löschte ihn später ganz. Ach ja, dieser Kommentar sahnte übrigens auch mehrere "Likes" ab. Ich beruhigte ihn aber:


Die Antwort darauf gefiel mir besonders gut.


Nach einigem Hin und Her, der Behauptung, ich habe ein bis mehrere Sockenpuppen und Gerede um mein Blog, bekam ich noch einige schöne Nachrichten in dem "Thread":


Das war sehr schön. Mit diesem kleinen Wortwechsel schließe ich den Bericht ab:


Ein schöner Erfolg. Ich finde es hervorragend, wie weltoffen, schöngeistig, rhetorisch und orthographisch begabt, niveauvoll und freundlich die AfD-Mitglieder sind. Jeder, der kein AfD-Befürworter ist, ist automatisch entweder bei der "Linken" als auch bei den "Grünen" (und damit pädophil). (Für's Protokoll: ich bin nichts davon)

Ich bleibe dabei: die AfD ist eine Partei für Stammtisch-Proleten, denen es zu sehr historisch belastet vorkommt, ihr Kreuzchen bei der NPD zu machen. Wenn der ein oder andere intelligente Mensch aus Versehen da hineingestolpert ist, würde ich diese Entscheidung vielleicht nochmal überdenken. Wer will sich schon mit solchen Leuten (s.o.) verbrüdern?

Menschen für Skeptizismus interessieren?

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn ich mir vorstelle, einen zwölfseitigen Artikel darüber zu lesen, daß Homöopathie nicht wirkt, gespickt mit ungefähr drölfzig Studien, deren Methodik und Ergebnisse ausführlich dargelegt werden - dann bekomme ich Kieferschmerzen, weil ich schon in Gedanken drei Stunden am Stück gähne.

Ähnliches gilt für Informationsveranstaltungen, Vorträge, bei denen beharrlich von Büchern oder Kärtchen abgelesen wird, Statistiken und Fakten gewälzt werden und ernst dreingeblickt wird. Booooooring.

Das soll nicht heißen, daß Zahlen, Fakten, Statistiken & Co. nicht wichtig sind - im Gegenteil. Sie sind das Herzstück des Skeptizismus. Aber den Korpus um dieses Herzstück muß man ansprechend gestalten, wenn man nicht nur die ohnehin schon Interessierten erreichen, sondern auch Außenstehende und "Fence sitter" interessieren will.
Da sich die Skeptikerbewegung auch als "Aufklärungsdienst" versteht, finde ich "Preaching to the choir" inakzeptabel (dieses Problem hab ich auch in meinem Artikel "Über die Probleme der Skeptiker" aufgegriffen).

Und was hat das jetzt mit Euch zu tun? Naja, ich will Euch davor bewahren, Eure wertvollen Informationen und Meinungen in einem Meer von Gähnen und Schnarchen untergehen zu lassen. Wir haben hier die Lösung für Euch: werdet Medium!

Wir (die Hoaxillas, Sebastian Bartoschek, Julia Groß, Sven Rudloff, Cornelius Courts und ich) veranstalten im Herbst einen Workshop zu genau diesem Thema: wie bereite ich Informationen auf? Wie nutze ich Medien optimal? Wie interessiere ich auch Außenstehende, auch junge Menschen? Dazu gibt es Vorträge und Workshops zum Erarbeiten neuer Strategien.
Am kommenden Freitag endet die Anmeldefrist. Also - ran an den Speck! Es lohnt sich!

ENDLESS FUN!

Donnerstag, 4. September 2014

Ebola? Da gibt's doch was von... Esopharm

Ebola grassiert momentan in mehreren afrikanischen Ländern und hat bereits verheerenden Schaden angerichtet. Doch das hätte alles nicht sein müssen, finden unsere Freunde von Esopharm. Was für ein törichtes Vorgehen, die Erkrankten mit evidenzbasierter Medizin zu behandeln! Ich habe hier ein paar Vorschläge aus der Gaga-Community, die dem Ebolaausbruch ein Ende bereiten könnten:

  • Weihwasser. Großzügigerweise hat ein nigerianischer Priester und Millionär 4000 Flaschen Weihwassers in die Krisengebiete geschickt. Obwohl ich mir sehr sicher bin, daß diese Spende bald Wirkung zeigen wird, wagt es die WHO, die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens anzuzweifeln. Sie haben wohl nicht mitgekriegt, daß das Weihwasser laut Aussage des edlen Spenders auch Unfruchtbarkeit, Aids und Krebs heilen kann!
  • Wünsche. Fräulein Rhonda Byrnes findet ja, daß man die Dinge, die einem im Leben zustoßen, selbst "anzieht". Wenn ich mir ganz dolle ein Fahrrad wünsche, bekomme ich es auch. Und wenn ich mir meine Gesundheit nicht genug wünsche, bekomme ich eben Ebola. Das ist dann meine eigene Schuld. Insofern lautet mein Vorschlag für alle Erkrankten: wünscht Euch doch einfach ganz, ganz arg, daß Ihr wieder gesund werdet.
  • Homöopathika. Die Homöopathen ohne Grenzen wollen ihren Standort in Sierra Leone weiter ausbauen. Jeder weiß, daß Homöopathika gegen jede einzelne Krankheit der Welt helfen, z.B. gegen Schizophrenie oder Krebs. Völlig klar, daß die HoG neue Mitarbeiter sucht, um die Ebolakranken mit Zuckerkügelchen vollzupumpen. Also, wenn Ihr noch einen Job für die Herbstferien sucht - tut was Gutes! Werdet Homöopathen ohne Grenzen!
  • eRemedies. Das sind homöopathische Audiosignale, die jeweils zehn Sekunden andauern. Es gibt verschiedene Klänge(für Prävention, aber auch für seit über 48 Stunden Erkrankte), die - und jetzt kommt die Sensation - völlig kostenlos zum Download zur Verfügung stehen! Da ja jeder einzelne Mensch im Krisengebiet die Möglichkeit hat, diese Dateien herunterzuladen und anzuhören, scheint mir das die beste Lösung zu sein.
  • Heilpraktikerbesuche. Naja, okay, der Besuch von Ebolaerkrankten bei einer Kräuterheilerin in Sierra Leone ist verantwortlich dafür, daß sich die Krankheit in diesem Land überhaupt erst ausgebreitet hat, aber... sie hatte magische Kräfte, die Ebola heilen können! Also... nichts wie hin da!

Na gut, der verehrte Leser wird wohl festgestellt haben, daß ich o.g. unter Umständen nicht so richtig ernst gemeint habe. Wie ich zu derlei "Behandlungsmethoden" stehe, ist vermutlich schon aus vorangegangenen Artikeln klar geworden. Bei einer so schwierigen Gemengelage - wie der aktuell in den Ebolagebieten vorliegenden - finde ich es in noch viel höherem Maße verantwortungslos, die Erkrankten mit falschen Heilsversprechen in noch schlimmere Situationen zu katapultieren. Zur Betrachtung dieser Gemengelage müssen wir uns aber erst einmal mit den Einzelaspekten beschäftigen.

Was ist Ebola?

Das Ebolafieber ist eine virale Infektionskrankheit, die durch das Ebolavirus aus der Familie der Filoviridae (der auch das ähnlich virulente Marburgvirus entstammt) ausgelöst wird. Die Ansteckung erfolgt über den Kontakt mit Körperflüssigkeiten infizierter Menschen oder den Verzehr von Buschfleisch (vornehmlich Flughunde, in welchen das Virus ebenso gedeihen kann). 
Nach einer Inkubationszeit von zwei bis 21 Tagen treten die ersten leichten Symptome auf, die mit einem grippalen Infekt verwechselt werden können (Kopfschmerzen, ein rauer Hals, leichtes Fieber) - die infizierte Person ist jedoch ab diesem Zeitpunkt bereits ansteckend. Im Verlauf der folgenden Tage steigt das Fieber, der gesamte Körper schmerzt und der Patient leidet an Erbrechen und Durchfall; das Ebolavirus attackiert die T-Lymphozyten und zerstört sie. Das Immunsystem "schlägt um sich", es kommt zum Zytokinsturm: der Freisetzung von überproportional großen Mengen an Entzündungsmediatoren. Das geht mit verstärkten Schmerzen und Durchfällen einher und ebnet so den Weg in die terminale Phase der Erkrankung: das haemorrhagische Fieber. Das hohe Fieber geht nun mit inneren Blutungen einher, das sich zunächst durch "blaue Flecken", später durch große Blutblasen unter der Haut und tiefrote Skleren äußert. Das Immunsystem attackiert die Organe - in der Folge platzen überall im Körper kleine Blutgefäße. Es kommt zu multiplem Organversagen, Hirnödemen und zum Tod durch Verbluten. 

Wie sieht die Therapie aus?

Momentan gibt es für die virusbedingten haemorrhagischen Fieber noch keine ursächliche Therapie: bisher existieren keine wirksamen Virustatika. Daher wird eine symptomatische Therapie durchgeführt. Der hohe Flüssigkeitsverlust durch Durchfall und Erbrechen muß kompensiert, die Schmerzen gestillt werden. Zur Zeit wird ein Impfstoff entwickelt, für dessen Testung noch Freiwillige gesucht werden. Wer also selbstlos ist und Spaß daran hat, sollte sich darum bewerben...

Was ist das Problem mit Aberglauben und Esoterik?

Der in vielen Gebieten der Ebolaepidemie vorherrschende Aberglaube und die Verschlossenheit gegenüber Wissenschaft tragen erheblich zum Ausmaß des Ausbruchs bei; ein gutes Beispiel dafür ist die oben genannte Geschichte der "Kräuterheilerin". Angehörige verstecken Infizierte vor den Behörden und Ärzten, weil sie davon ausgehen, daß das Ebolafieber ein Fluch sei - keine Krankheit. 
Den Ärzten in ihren Schutzanzügen wird mit Argwohn und Misstrauen begegnet, muten sie doch an wie unmenschliche Wesen aus einer anderen Welt - so können sie ihrer Arbeit nicht nachgehen. Zeitweise kursierten sogar Gerüchte, die ärztliche Behandlung würde die Erkrankung überhaupt erst auslösen. Auch auf die Hinweise, man möge doch kein Buschfleisch mehr verzehren, wird nur mit einem Schulterzucken reagiert. Es ist fast unmöglich, die Epidemie so unter Kontrolle zu bekommen.


Und dann kam Esopharm...

Die esoterischen und nicht evidenzbasierten "Heilmethoden" sind nicht nur völlig wirkungslos, sondern schlagen auch noch genau in diese Kerbe: lieber Tradition, Aberglaube und Wissenschaftsargwohn als die effektive Behandlung durch Ärzte und Helfer. Ob nun unwissentlich oder unter Inkaufnahme dieses Umstands erschweren unsere esoterischen Freunde so den ärztlichen und wissenschaftlichen Helfern die Arbeit; es wird nahezu unmöglich, die hochansteckende Krankheit unter Kontrolle zu bekommen. 
Abgesehen davon sind diese "Medikamente" und "Heilmethoden" natürlich vollkommen ineffektiv: läßt sich ein Patient mit einer zehnsekündigen Audiosequenz behandeln, anstatt einen Arzt aufzusuchen, oder trinkt er einen Schluck Weihwasser, anstatt sich Kochsalzlösung infundieren zu lassen, so steigen seine Überlebenschancen nicht unbedingt. Dieses Maß an Verantwortungslosigkeit macht mich wütend und besorgt zugleich. 

Was kann man tun?

Nun ja, zunächst einmal diese Petition unterschreiben, die den Homöopathen ohne Grenzen den Gemeinnützigkeitsstatus absprechen will. Natürlich können sich meine geschätzten Leser auch als Freiwillige für die Ebola-Bekämpfung in Sierra Leone und Guinea melden, oder als Freiwillige für den Impfstoff, aber das scheint mir ein bißchen zu aufwändig. Ich bin auch ein großer Fan des Sich-lautstark-Aufregens, wie ich es mit diesem Blogpost versuche - diese Dinge bekannt zu machen und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, halte ich für wichtig. Natürlich kommt man sich dann auch ein bißchen vor wie bei "Das Leben des Brian", aber es ist ein erster Schritt. Für weitere Vorschläge, z.B. in den Kommentaren, bin ich sehr dankbar. 

Das Ebolafieber ist eine albtraumhafte Krankheit - Esoterik und Aberglaube schaffen es sogar, sie noch schlimmer zu machen.