Montag, 27. Oktober 2014

Arzneibuchanalytik-Poesie

Liebe Leser,

ja, ich weiß, nach der OC-Lyrik letztes Jahr habt Ihr auf Fortsetzung aus dem Reich der Universitätspoesie gewartet... mit dieser kann ich jetzt endlich aufwarten. Dieses großartige Machwerk ist im Seminar über Arzneibuchanalytik entstanden (zu meiner Verteidigung: ich hab schon in so vielen Seminaren und Vorlesungen zu Säure-Base-Titrationen gesessen, daß ich dieses als Zeitverschwendung empfunden habe).

Im Labor. Yeah.
Die Legende vom langweiligen ABu-Seminar

Wohlan, Arzneibuch-Seminare!
Öffnet Euch, Ihr Höllenschlunde;
Wärmet meine Totenbahre,
Strömet aus Prometheus' Wunde:

Wissen um des Wissen Willen
Schenkte er der Menschenheit.
Muß ich mit Bacchus' Tränen stillen
Den mit uns'rer Erdenzeit

Zum Wahn verkomm'nen einst'gen Segen?
Der Titrationen Lauf zerrinnt
Zum zeit- und sinnenlosen Regen,
In dem der Stumpfsinn stumm gewinnt.

Langeweile kreist wie Geier
Wartend um die brache Seele:
Gierig lechzt sie nach der Feier
Des Leichnams, dem die Kraft bald fehle.

Ätzend, wie die starken Säuren,
Die es bald zu zähmen gilt...
Trägheit, Schlaf: bleibt weg mit Eurem
Lockruf - ich bin nicht gewillt

- Nicht im Fleische, nicht im Geiste -
Euch lange noch zu widersteh'n.
Daß Bildung bei mir Großes leiste
Erwart' ich schon so lang zu seh'n:

Äonen warte ich im Hörsaal
Und sehn' mich nach Prometheus' Lächeln.
Doch zwischen Titration und Grünaal
Seh' ich mich Sisyphus nachhecheln.

Doch weil Camus ihn glücklich wähnte
Bitte, kreische, flehe ich:
Verleih' mir Lust am stumpfen Gähnen
Ach, Apathie - erlöse mich!

P.S.: es sind evtl. Spuren von Pluralfehlern oder Ironie enthalten.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Zu Risiken und Nebenwirkungen...

… einer unzeitgemäßen pharmazeutischen Ausbildung mit sich wandelnden Perspektiven, fragen Sie Ihre Studenten

Derzeit besuchen rund 12.000 Pharmaziestudenten Deutschlands Universitäten, doch die wenigsten von ihnen werden ihr Studium in Regelstudienzeit abschließen. In Berufsorientierungsforen klagen die Studierenden allerorts über den schier irrsinnigen Arbeitsaufwand und den hohen Schwierigkeitsgrad des Studiums. Was ist dran an diesen Horrorgeschichten? Wie sieht ein Pharmaziestudium im Jahr 2014 aus? Und welche Perspektiven und Pläne haben die Studierenden?

Diesen Witz hat vermutlich jeder Pharmazeut in einer seiner zahlreichen Variationen schon gehört: Ein Physikstudent, ein Medizin- und ein Pharmaziestudent bekommen vom Professor ein Telefonbuch zum Lernen vorgesetzt. Der Physiker stellt fest, daß aus den Datenreihen nicht auf das Experiment geschlossen werden kann, weigert sich und geht. Der Mediziner schluckt drei Koffeintabletten und seufzt: „Bis wann?“ Einzig der Pharmazeut ist aufgeregt und fragt: „Darf ich die „Gelben Seiten“ auch noch lernen?“
Das Pharmaziestudium hat den Ruf eines arbeits- und zeitintensiven Studiengangs, dessen Lernvolumina kaum in Regelstudienzeit zu bewältigen sind. Wie sieht aber die Realität aus?

Abschied von der Regelstudienzeit?

Tatsächlich braucht der Durchschnittsstudent nicht die anberaumten acht, sondern neun Semester, um zu seinem Abschluss zu gelangen. Es ist keine Seltenheit, dass nach dem ersten Staatsexamen nurmehr zehn Prozent des ursprünglichen Semesters erhalten sind – das kann vielerlei Gründe haben. Neben Misserfolgen bei Prüfungen leiden einige Universitäten auch unter einer begrenzten Anzahl an Laborplätzen; damit einher gehen immer länger werdende Wartelisten für Praktikumsplätze.
Und auch die dürftigen bisweilen nur knapp zweistelligen Bestehensquoten bei Klausuren haben verschiedene Gründe: so werden Studierende im ersten Semester gleich zu Beginn mit Lernvolumina konfrontiert, die sie aus ihrer gesamten Schulzeit nicht gewohnt waren. Die qualitative anorganische Analyse wartet mit dicken Skripten und noch dickeren Büchern auf, deren Güte und Notwendigkeit man zunächst und ohne Anleitung gar nicht bewerten kann. Zudem haben viele Studenten damit zu kämpfen, dass die ihnen hier präsentierte Information eine ganz andere Qualität haben kann als das, womit sie in der Schule konfrontiert wurden: nicht alle haben einen Chemie-Leistungskurs besucht und im Studium wird das naturwissenschaftliche Denken plötzlich vorausgesetzt. Die Fragestellungen sind komplexer und gerade im Pharmaziestudium zunehmend interdisziplinär – oft ist „intellektuelles Multitasking“ gefragt, wenn an einem Tag eine Klausur in Qualitätssicherung, am nächsten die in Biochemie geschrieben wird.


Keine Lernmethoden, kein System

Trotz fleißiger Fachschaften fühlen sich viele Erstsemester im „Pharmazie-Dschungel“ zunächst allein gelassen. Die Fachschaften bieten eine gute organisatorische Starthilfe, doch lernen muss jeder für sich allein. Genau da liegt das Problem: die meisten Studierenden haben sich zum Zeitpunkt des Studienbeginns noch nicht intensiv mit Lernmethoden und deren Systematik beschäftigt, kennen weder die Ansätze, noch wissen sie, welcher Lerntyp sie sind. Einige Studenten kommen mit dem bloßen Lesen der Lehrbücher gut zurecht, andere verfassen selbst seitenlange Skripte. Hier wird nach dem Trial-and-Error-Verfahren vorgegangen, wobei die Studenten einige Fehlschläge in Kauf nehmen müssen – bei einigen artet das gar zu einem mehrjährigen Kampf aus. Am Ende der Bemühungen steht eine deutliche Abnahme des Ehrgeizes und der Motivation, die durchaus ansteckend sein kann: "Wenn sowieso alle durch die Klausuren fallen, wieso sollte ich mich dann noch so anstrengen?"

Was läuft systematisch falsch im Pharmaziestudium?

Den Kritikern des „Aussiebens“ der Studenten durch besonders anspruchsvolle Klausuren wird gemeinhin entgegengesetzt, dass man als Pharmaziestudent ja wisse, worauf man sich einlasse. Teilweise ist dem zuzustimmen: der Beruf der Apothekers birgt hohe Verantwortung. Dementsprechend möchte man auch nur die Besten und am höchsten Qualifizierten in der Offizin wissen, wenn es um die Ausgabe potenter Arzneistoffe und die Einschätzung geringer therapeutischer Breiten oder gefährlicher Wechselwirkungen geht. Dennoch kann hier die Lösung nicht sein, mit überschweren Klausuren, die zugleich kaum praxisbezogen sind, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das Ergebnis dieser Methode sind einerseits ausgebrannte Absolventen, die vier Jahre eines freudlosen Studiums mit kaum Freizeit und unter hohem emotionalen Stress verbracht haben, andererseits Studenten, die Prüfungen x-mal wiederholen, sieben oder acht Jahre für das Studium brauchen und erst spät ins Berufsleben einsteigen können.
Viele Studenten, aber auch einige Dozenten bemängeln darüber hinaus das starre und schul-artige Curriculum des Pharmaziestudiums. Anders als bei vielen anderen Studiengängen wird hier nicht das souveräne und selbstständige Arbeiten gefördert. Das Studium beginnt mit einem unflexiblen Stundenplan, lebt vom Frontalunterricht, bietet wenig Wahlmöglichkeiten und erfordert kaum die eigenständige Erarbeitung von Themenkomplexen. Ein Vorteil dieser Methode ist, dass der Studiengang so nicht Opfer der Bologna-Willkür wird, mit deren Hilfe man mit einem Seminar über Weinbau in der Antike und acht Semesterwochenstunden ein komplettes Fachsemester bestreiten könnte. Der Nachteil ist allerdings, dass sich selbstständiges Arbeiten nicht in einem Maße entwickelt, wie es für Jobs beispielsweise in der pharmazeutischen Forschung nötig und wünschenswert wäre.

Allerdings bekommt man schicke Ganzkörperanzüge.
Viele Studenten, wenig Betreuung

Wenn in einem Seminar, das per Definition interaktiv ist und das auf die Schwächen der Teilnehmer eingehen sollte, über hundert Menschen sitzen, die betreut werden wollen, so kann das Soll an Zuwendung nur schwer erfüllt werden. Anzumerken ist zwar, dass das bei anderen Studiengängen – wie beispielsweise der Medizin – wesentlich schlimmer ist, aber das macht für die Pharmazeuten nichts besser. Viel wichtiger ist jedoch, dass kaum ein Student während des Studiums systematisch in  wissenschaftlichem Denken und Arbeiten geschult wird. Zwar wird man an vielen Stellen dazu angehalten, kann sich im Zweifel unter wissenschaftlicher Methode und kritischem Denken jedoch nur wenig vorstellen. Besonders für die Arbeit in der Forschung kann dies später zu einem Problem werden aber auch noch während des Studiums ließen sich einige Hürden besser nehmen, wenn man mit einem analytisch geschulten statt nur mit Fakten gemästeten Verstand an sie herantreten könnte. Evidenzbasierte Argumentation ergänzt schieres Auswendiglernen und ermöglicht erst interessiertes aber auch kritisches Hinterfragen und wer sich mit der wissenschaftlichen Fachliteratur auseinandersetzen kann, hat im Berufsleben – je nach Spezialisierung – große Vorteile. Doch entsprechende Kurse werden  den meisten Pharmaziestudenten nicht angeboten. Die Aufgabe der Universität sollte jedoch nicht darin bestehen, den Studierenden Fakten vorzusetzen, die dann stur auswendig gelernt werden sollen, obgleich sie in einigen Jahren womöglich ohnehin obsolet sind: das Ziel sollte sein, die Studierenden an souveränes Denken und eine wissenschaftliche Arbeitsweise heranzuführen, sie zu emanzipieren von der Autorität, die ihnen Fakten vorsetzt und ihnen die Möglichkeit zu geben, allein auf Grundlage von Evidenz zu unterscheiden zwischen wahr und falsch, effektiv und nutzlos, Arzneimittel und Humbug. Würde dies aktiv an den Universitäten unternommen, wäre wohl auch die Esoterik in der Offizin vermutlich nicht derartig auf dem Vormarsch.

Neue didaktische Konzepte

Auch wenn das System „Pharmaziestudium“ vermutlich noch einige Jahre in dieser Form weiterlaufen kann und auch wird, ist es sinnvoll, über mögliche Verbesserungen nachzudenken – damit auch künftige Generationen von Apothekern und Pharmazeuten mit Elan und Ehrgeiz ihren Beruf antreten können.
Propädeutische Lernseminare wären hier ein effektives Werkzeug. Dabei sollen Studenten nicht nur lernen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Wissen zu speichern, sondern auch, wie man das Ganze gesund gestalten, Informationen ins Langzeitgedächtnis transferieren und sich auch langfristig motivieren und kontrollieren kann. Ebenso sollten Organisationsstrategien und Ressourcenmanagement angesprochen und der individuelle Lerntyp herausgearbeitet werden, damit der Student gut gerüstet in den achtsemestrigen Lernmarathon einsteigen kann, ohne gleich den Mut zu verlieren. Nicht zuletzt kommt ein hohes Maß an Wissen auch den Patienten zu Gute.
Weiterhin wirksam wäre wohl der Versuch, den Lernstoff anders aufzuarbeiten. Frontalunterricht mit PowerPoint-Präsentationen können sehr ansprechend sein, bieten den weniger engagierten Dozenten aber die Möglichkeit, in „Folienkaraoke“ zu verfallen. Die erfolgreicheren Vorlesungen an der Universität Bonn waren vor allem diejenigen, in welchen didaktisch sinnvoll aufgebaute Tafelbilder, visuelle Darstellungen (zum Teil unter Zuhilfenahme von Requisiten) und anschauliche Erklärungen und Analogien im Mittelpunkt standen. Auch mit klinischen Bezügen oder solchen zur Berufsrealität kann man Studenten motivieren, sich mehr in ein Fach hineinzudenken.
Außerdem ist der Lerneffekt um ein Vielfaches größer, wenn Studenten sich einen Teil des Stoffs selbst erarbeiten und ihn vortragen und untereinander diskutieren, wo es realisierbar ist. Solche Seminare gibt es bereits, sie sind jedoch ausbaufähig.

So seh'n Dealer aus, schalalalalaaa...
Trotz allem: Pharmazie ist beliebt

Den vielen Kritikpunkten zum Trotz sprechen die 12.000 Studierenden der Pharmazie und auch die hohen Anforderungen zum Studienbeginn (Numerus Clausus) eine eigene Sprache: gerade aufgrund seiner Vielfalt kann der Studiengang punkten. Innerhalb einer Woche müssen z.B. Pflanzen systematisch analysiert, mikroskopiert und gezeichnet werden, wohingegen man am nächsten Tag mit der Vielzahl verschiedener chemisch-analytischer Methoden konfrontiert wird. Neben Physik, Biologie und physikalischer Chemie lernt man auch Physiologie und Toxikologie kennen, bewegt sich quasi einmal durch alle naturwissenschaftlichen Disziplinen, wodurch sich viele berufliche Perspektiven bieten. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist nicht nur möglich, sondern erwünscht und so wird den Studenten die Chance auf ein abwechslungsreiches Arbeitsleben geboten.

Unzeitgemäße Elemente

Die Grundvoraussetzungen sind also gut. Würde man die Aspekte, die aus einer lange vergangenen Zeit zu stammen scheinen, ersetzen durch moderne Fächer und Methoden, wäre viel gewonnen. Viele Studenten bezweifeln den Sinn dessen, in monatelanger Arbeit Herbare anfertigen und mit Jahrzehnte alter, überkommener Laborausrüstung obsolete Methoden erlernen zu müssen, die in Wissenschaft und Industrie längst nicht mehr eingesetzt werden. Auf der anderen Seite fehlen interessante und neue Fächer wie Proteomik, Pharmakogenetik, Bioinformatik oder Kurse zum Umgang mit Fachliteratur fast völlig. Eine Erneuerungskur unter Beibehaltung wichtiger und unabdingbarer traditioneller Elemente täte dem Studiengang und seinen Studierenden – und damit am Ende auch den Kunden – mit Sicherheit gut.

Wie geht es weiter nach dem Studium?


Die Möglichkeiten nach dem Pharmaziestudium sind vielfältig, doch die meisten Absolventen zog es bisher regelmäßig in die Offizin. Eine solide Entscheidung: das Einkommen ist stabil und meist zumindest akzeptabel (als Selbstständiger oft sogar mehr als das), der Arbeitsplatz ist sicher und das Arbeitsklima häufig angenehm. Zudem ist kaufmännisches Geschick gefragt sowie soziale Kompetenz im Umgang mit Kunden. Laut ABDA entscheiden sich durchschnittlich 80% der Apotheker, in der öffentlichen Apotheke zu arbeiten.
Eine kleine (30 Teilnehmer) und daher nicht unbedingt repräsentative Umfrage unter Studenten des fünften Fachsemesters der Universität Bonn fördert jedoch ein anderes Bild zu Tage: hier können sich 70 % der Befragten auch eine Betätigung außerhalb der Offizin vorstellen. Zu den attraktivsten gehört dabei die Krankenhausapotheke: hier sind die Aufgaben ganz andere als im Apothekenalltag. So gehört der beratende Kontakt zum Patienten eher nicht dazu, dafür aber die Herstellung von Arzneiformen, die in öffentlichen Apotheken weniger üblich sind, z.B. Zytostatika oder Parenteralia. Außerdem werden hier kleine Chargen von Medikamenten für spezielle Patientengruppen entwickelt und hergestellt. Dazu kommen die Teilnahme bei der ärztlichen Visite, die Veranstaltung von Schulungen und die logistische Versorgung des Krankenhauses mit den nötigen Medikamenten.
Großes Interesse herrscht auch an der Arbeit in der pharmazeutischen Industrie – zwar ist es als Pharmazeut eher unwahrscheinlich, bei der harten Konkurrenz durch (Bio)Chemiker einen Arbeitsplatz in der Wirkstoffsynthese zu ergattern, dennoch ist durchaus Interesse an diesem Zweig vorhanden. Ebenso an der pharmazeutischen Technologie und Galenik: ein Feld, das große Berufschancen für künftige Pharmazeuten bietet.
In der befragten Gruppe herrschte verhältnismäßig wenig Interesse an universitärer Forschung und Arzneimittelzulassung, ebenso wenig kamen Journalismus oder eine Stelle bei der Bundeswehr in Frage.

Gibt es eine Bewegung weg von der Offizin?

Anhand der kleinen Teilnehmermenge der Umfrage ist das nicht eindeutig zu beantworten; bewegt man sich jedoch im studentischen Umfeld, so wird klar, dass längst nicht mehr die allermeisten Pharmaziestudenten ihr Studium mit dem Ziel aufgenommen haben, Apotheker in einer öffentlichen Apotheke zu werden. Tatsächlich gibt es einige Faktoren, die eine Tätigkeit dort weniger attraktiv machen: zum einen ist der Verdienst als angestellter Apotheker mit wenig Berufserfahrung sehr überschaubar, insbesondere vor dem Hintergrund der überaus aufwendigen Ausbildung. Zum anderen birgt auch die Selbstständigkeit Gefahren. Hier ist kaufmännisches Talent wichtig, aber auch Verantwortungsgefühl für die Mitarbeiter: Führungsqualitäten sind ebenso von Bedeutung wie Ausdauer beim Bewältigen der Verwaltungsaufgaben. Einigen ist das jedoch zuwider: neue Apothekenbetriebsordnungen, Arzneimittelpreisverordnungen und Internetapotheken erschweren das Apothekerleben deutlich.
Viele Pharmazeuten möchten ihre Tätigkeit nach Abschluss eines naturwissenschaftlichen Studiums auch nicht auf Beratung und Verkauf begrenzen – es zieht sie in die Industrie, in andere Branchen und in andere Länder.


Gute Pharmazeuten werden gebraucht

Dennoch muss man sich wohl nicht sorgen um das Apothekerwesen: für die meisten Studenten (und Dozenten) scheint es selbstverständlich, einen beruflichen Weg in der Apotheke einzuschlagen. Und das ist auch gut so. Der Beruf des Apothekers ist wichtig, sogar unverzichtbar im deutschen Gesundheitswesen. Deswegen sollte man die Ecken und Kanten der pharmazeutischen Ausbildung etwas abschleifen, das Studium entstauben und den Studierenden die Hand reichen, denn aus guten und motivierten Studenten werden gute und motivierte Apotheker. Und die werden gebraucht, um Patienten zu beraten und zu schützen, vor Fehlentscheidungen, gefährlichen Medikamenten, unüberlegten Kombinationen und manchmal vielleicht sogar ein kleines bisschen vor sich selbst.

Freitag, 17. Oktober 2014

(L)Esostunde live gefällig?

Liebe Organismix,

ja, ich gebe zu - die Überschrift soll hauptsächlich als Köder dienen, denn Live-Lesungen wird es in absehbarer Zeit nicht geben, aber von vorne: falls jemand meiner LeserInnen es noch nicht mitbekommen hat, wäre es wohl klug, die (L)Esostunde vorzustellen. Dabei handelt es sich um ein Podcast-Format, das Cornelius Courts und ich ins Leben gerufen haben. Wir setzen uns mit einem Eso-Buch vor das Aufnahmegerät und schauen, was passiert.

Falls sich jemand gefragt hat,

- wer die (L)Esostunde sonst noch so hört oder
- welchen Meisen genau die Lesenden haben oder
- wie Hörer und Macher von Hoaxilla so sind oder
- wie Hörer und Macher des BartoCast so sind oder
- wie viele andere tolle Wesen und Formate so sind

und all diese Menschen kennenlernen will, dann haben wir jetzt die Antwort für all jene Suchenden. Nachdem am Samstag bereits "Das Exklusiv-Event" mit den Hoaxillas und Barth Vader stattfindet, schließen wir am Sonntag, dem 26. Oktober um 11 Uhr einen Hörerbrunch an. Kommt alle!

Nochmal die Fakten:
- Wann? Sonntag, 26. Oktober, 11 Uhr
- Wo? Café del Sol in Herne
- Wer? Auf jeden Fall mal Cornelius Courts und ich, sowie Sebastian Bartoschek, Alexa und Alexander Waschkau, Käpt'n Oliver Bechthold, Käpt'n Jörg Sartorius (beide vom Heißluftdampfer-Podcast) u.v.a.
- Wie? Anmeldung bitte bis 22.10. an thewasteoid [at] gmail.com !
- Warum?


Freitag, 10. Oktober 2014

Ich habe mich versehentlich auf den Staubsauger gesetzt

Nein, nicht ich. Mir geht es hier ums Prinzip. In letzter Zeit hatte ich ja mittelmäßig erfreulichen Kontakt mit zwei merkwürdigen Menschengruppen: den Montagsmahnwächtern und den Freunden der AfD – wie hier und hier nachzulesen. Und von diesen beiden Gruppen kamen in letzter Zeit äußert bizarr anmutende und unfreiwillig komische Geschichten, welche die „Coping-Strategien“ der prominenteren Vertreter auf mediale Shitstorms darlegen. Und diese ähneln auf erstaunliche Art und Weise der Überschrift dieses Artikels. Ich werde zwei Beispiele darlegen, es ließen sich aber mit Sicherheit noch mehr finden.

1)      Thomas Rudy

Leider ist die AfD in den Thüringer Landtag eingezogen. Eine dieser Gestalten, der Landtagsabgeordnete Thomas Rudy, hat sich dieser Tage eine Strafanzeige wegen der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen eingehandelt. Ich empfand es nicht als große Überraschung, als ich las, daß er ein Facebook-Bild mit „Gefällt mir“ versehen hatte, auf welchem ein Motorrad prangte, dessen Beiwagen mit einem Hakenkreuz, einem Hitlerportrait und dem Wort „Führer“ versehen war. Seine grandiose Ausrede lautete etwa so: „Äh… ich habe mir die Urlaubsbilder von einer Bekannten angesehen, und da habe ich nicht so genau hingeschaut. Ein altes, klappriges Mopped auf den Philippinen fand ich derartig spannend, daß ich es einfach „mögen“ mußte! So ein Hakenkreuz und das Bild unseres Füh… äh, des ganz arg schlimmen Adolf Hitler fällt eben nicht so sehr ins Auge!“
Ja, das ist sehr glaubwürdig. Um seinen Standpunkt zu untermauern, hat er sogar einen kritischen Kommentar unter das Bild geschrieben! Wenn das mal nicht das Statement eines lupenreinen Demokraten ist. Weiterhin vermutete der aufrechte Antifaschist, daß diese Gestaltung vermutlich Touristen anlocken solle. Ja, ich muß sagen, meine Koffer stehen schon gepackt im Flur. Ein Hitlerkonterfei auf einem motorisierten Gefährt – das kann ich mir nicht entgehen lassen! Ich frage mich immer, was Menschen wie Thomas Rudy antreibt, sich erst solche Fehltritte zu leisten und anschließend mit aberwitzigen Ausreden zu verschleiern, was sie wirklich denken.

2)      Xavier Naidoo

Ich konnte mich mit diesem dauerjammernden, jesusaffinen Stimmbandschwinger noch nie anfreunden. Zum Einen ist das wirklich nicht meine Musik, zum anderen fand ich die „Texte“ schon immer wirr und äußerst merkwürdig. Hier zum Beispiel ein Text, von dem ich zuerst dachte, ich hätte aus Versehen ein Gedicht meiner sechsjährigen Nachhilfeschülerin im Netz gefunden:

Deinen Namen trägt mein Herz
Dein Fehlen ist mein Schmerz
So rein zu sein wie Du
Zeig’ wie ich das tu

(Ich kann das nicht ertragen
Das muß ich jetzt mal sagen!
Naidoo singt doofe Sachen
Doch mir ist nicht zum Lachen.
Es platzt mein Trommelfell.
Mach den Lärm aus! Schnell!)

Auch Oliver Kalkofe hat hierzu einen schönen Clip. Aber darum soll es hier gar nicht so sehr gehen. Xavier Naidoo hat sich auf mehreren Montagsdemos (Reichsbürger und Mahnwachen) blicken und sein unerträgliches Gejammer erklingen lassen, doch nicht nur das: er befeuert die 9/11-Verschwörungstheorien, hält Deutschland für ein besetztes Land, betont stets, daß er ein Liebesbotschafter sei und klingt überhaupt relativ verwirrt. Anschließend verständigt er sich mit Ex-NPD-Mitglied Rüdiger Klasen, der übrigens verurteilt wurde wegen Beteiligung an einem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim, auf den Austausch von Kontaktdaten. Schwarz-weiß-rote Flaggen werden geschwungen, der „Zionismus“ angeprangert, der Holocaust relativiert; es werden antisemitische Parolen skandiert und ein anderer Redner stellt sich vor und bringt den Klassiker von Juden, die Kinderleiber zerfetzen (nachdem er sich einleitend erfreute, endlich „die Judenfrage“ diskutieren zu können): Herr Naidoo stellt sich auf die Bühne und beteuert, daß er alle Anwesenden liebe.
Nun gut, das sind die üblichen Mahnwachen-Geschichten und Xavier Naidoo hat sich wohl eingereiht bei den Reichsbürgern (und Antisemiten, und Homophoben). Oder? Nein, sagt sein Management. Und hier kommt wieder der Staubsauger ins Spiel: „Der Xavier ist schön alleine durch Berlin gefahren mit’m Fahrrad, und plötzlich hat er ganz zufällig eine Ansammlung von Antisemiten und Wahnwichteln gefunden. Ach, hat er sich gedacht, das sieht ja interessant aus. Da geh’ ich mal hin. Das war alles reiner Zufall, und auch, daß er sein „Freiheit für Deutschland“-Shirt getragen hat, hatte nichts mit Absicht zu tun.“
Blöd nur, daß man im Video (ab Minute 12) sieht und hört, wie er zugibt, absichtlich die Veranstaltung besucht zu haben. Blöd auch, daß er das selbstgedruckte T-Shirt auch trug, als er im ARD-Morgenmagazin fand, Reichsbürgerblödsinn absondern zu müssen. Selbst er hat das mittlerweile bemerkt und sich auf ein zweites Staubsaugerlevel begeben:

„Ich möchte auf alle zugehen. Auch zu Reichsbürgern. Auch auf die NPD. Das ist mir alles wurst. […] Und deswegen mußte ich zu den Mahnwachen gehen […], weil es sind alles Systemkritiker, so wie ich. Wir brauchen diese Meinungsfreiheit, um unsere doch nicht so massentaugliche Meinung zu sagen.“

Merkel könne sich ja auch nicht aussuchen, wen sie anspreche. Also: naja, wenn es eben nur die Nazis sind, die so was sagen, dann muß ich, als Reinkarnation Jesu, als quasi-Bundes… äh, Reichskanzler, eben die vollquatschen, besingen und unterstützen. Seems legit, X-Man!


Ich verstehe nicht, wieso solche Typen nicht einfach zugeben, was sie tun und denken. Diese Staubsaugersache macht sie nicht sehr viel glaubwürdiger und zerstört das bisschen Würde, daß sie sich nach der Kundtat ihrer mitunter menschenverachtenden Weisheiten noch bewahrt hatten. Aber gut: es würde mich fast schon amüsieren, wäre es nicht so bedenklich. Aber ein bißchen witzig ist es schon, daß diese Menschen, deren Bewegungen eigentlich für sich beanspruchen, "die Wahrheit™" - im Gegensatz zu "denen™" - nicht zu verschleiern, auf dreiste Art und Weise lügen. 

Zum Schluß möchte ich aber noch ein paar meiner Lieblingszitate von Xavier Naidoo einbauen:

-         „Ich mache mir die Erde untertan – und lasse mir von keinem irgendetwas verbieten“
-         „Ich habe ein paar ehemalige Regierungsmitglieder wegen Hochverrats verklagt“
-         „Ich glaube schon lange keinem Wissenschaftler mehr!“


Und damit schließe ich meinen kleinen Meinungsbericht. Nicht aber ohne auch hier allen zu danken, die meine Beiträge teilen, diskutieren und unterstützen. Das freut mich sehr!