Mittwoch, 28. Januar 2015

Je suis Raif

Liebe Leser,

nach einer weiteren Klausurenepisode melde ich mich mal wieder zurück, denn das Thema, um welches es geht, ist wichtig. Ich habe gehofft, daß die von Amnesty International lancierte "Urgent Action" und der weltweite Protest gegen die Auspeitschung von Raif Badawi etwas bringen würden. Das war nicht der Fall. Zwar machten zwischendurch Gerüchte die Runde, daß die Strafe aufgehoben sei, diese bewahrheiteten sich jedoch nicht. Welche Rolle der Machtwechsel in Saudi-Arabien dabei spielte, weiß ich nicht - in jedem Fall wurde Raif Badawis Auspeitschung schon mehrfach aus gesundheitlichen Gründen verschoben.


Die ersten 50 Peitschenhiebe, die Badawi durchleiden mußte, haben ihn bereits stark mitgenommen; noch immer geht es ihm schlecht. Die restlichen 950 Peitschenhiebe kommen damit einem Todesurteil gleich. Und wofür das alles? Raif Badawi hat gebloggt. So, wie es tausende in westlichen Gefilden jeden Tag tun. So wie ich. Wie mein Mann. Jeden Tag machen wir Gebrauch von unserem Recht auf freie Meinungsäußerung, kritisieren Politik, Religion, Justizsysteme und unsere Regierung. Genau das hat Raif Badawi getan. Und muß nun dafür bezahlen: mit 1000 Peitschenhieben, 195.000 Euro Strafe und zehn Jahren Gefängnis, die ihn von seiner Frau und seinen drei Kindern trennen.

Seine Familie mußte nach Kanada flüchten, sein Anwalt wurde ebenso verurteilt und eingesperrt, er kann die Strafe nicht bezahlen und die Chancen, daß der 30jährige diese Tortur überlebt, stehen nicht besonders gut. Was kann man tun? Vermutlich nicht viel, von Deutschland aus. Ein Zeitungsartikel hat mich auf die Idee gebracht, dem saudischen Botschafter in Berlin folgende Mail zu schreiben:

Sehr geehrter Herr Professor Dr. med. Ossama bin Abdul Majed Shobokshi,
mit grosser Sorge betrachte ich seit einiger Zeit den Fall des Raif Badawi. Amnesty International betrachtet den Blogger als politischen Gefangenen, der nur friedlich von seinem Menschenrecht auf freie Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht hat.
Ich lehne die koerperliche Zuechtigung grundsaetzlich ab und bezweifle, dass Raif Badawi die fuer ihn angedachten 1000 Peitschenhiebe zu ueberleben imstande ist. Aus diesem Grund biete ich hiermit an, 50 der Peitschenhiebe fuer Raif Badawi zu uebernehmen. Ich koennte eigens dafuer nach Berlin zur Botschaft des Koenigreichs Saudi-Arabien reisen und die Strafe dort annehmen unter der Bedingung, dass diese 50 Peitschenhiebe dann von der Strafe Badawis abgezogen werden.
Bitte lassen Sie mich zeitnah wissen, ob das moeglich waere.
Mit freundlichen Gruessen,
Claudia Courts
Mit Bitte um Weiterleitung an:
King Salman bin Abdel aziz Al Saud
The Custodian of the two Holy Mosques, Office of His Majesty the King
Royal Court, Riyadh, SAUDI-ARABIEN

Ich habe das geschrieben, weil ich tatsächlich dazu bereit wäre (Trittbrettaktionen wären in diesem Zusammenhang vermutlich nicht so klug). Weil es ein Beitrag dazu wäre, das Leben eines Menschen zu retten, der sonst von seiner Regierung getötet wird - weil er das getan hat, was für mich ein selbstverständliches Menschenrecht darstellt, welches ich hoch halte. Bis jetzt gab es zu diesem Verfahren noch keine öffentliche Stellungnahme der saudi-arabischen Regierung bezüglich seiner Rechtmäßigkeit. Sollte es jemanden unter Euch geben, der das ebenso sieht oder der bereit wäre, Raif einen Teil seiner Strafe abzunehmen, so wäre es großartig, wenn er/sie dieses Angebot ebenso versenden oder diesen Blogpost teilen könnte. Stellt Euch vor, wie es wäre, wenn 950 Leute je einen Peitschenhieb für Raif durchleiden könnten! Die Adresse lautet deemb@mofa.gov.sa 
Danke Euch!

Man mag diese Mail, dieses Angebot vielleicht als verzweifelten Aktionismus (oder gar Selbstbeweihräucherung?) betrachten und zu bedenken geben, daß es vermutlich noch hunderte solcher Fälle gibt. Aber in meinen Augen gebietet es mir (!) die humanistische Gesinnung, sich einzusetzen für diesen leidenden Menschen, der ein Verbrechen begangen haben soll, daß es gar nicht gibt. 

Kommentare:

  1. Ich finde diese Aktion verfehlt. Sie sendet in meinen Augen genau das falsche Signal! Es ist nicht richtig, einen Menschen zu schlagen, dafür daß er geschrieben hat, was er denkt. Indem man diesem Verbrecherregime, dem Raif ausgesetzt ist, anbietet, seine in deren Augen "gerechte Strafe" zu übernehmen, suggeriert man, daß die Strafe verdient sei, man nur eben stellvertretend für Raif einen Teil davon übernehmen wolle, weil er einem leid tut.
    Insofern ist die Aktion auch wohlfeil, weil es dem Regime ja nicht darum geht, eine Peitsche auf irgendwelche Leute zu schlagen, sondern auf einen Menschen, der seiner Auffassung nach gefehlt hat. Viel besser wäre, dem Botschafter seine Verachtung darüber mitzuteilen, daß das einzige Mittel, das seinem Land einfällt, um mit mißliebigen Meinungen umzugehen, Gewalt und Unterdrückung ist. Das werde ich jetzt tun! Indem man anbietet, Raifs Hiebe zu übernehmen, schadet man sich selbst und keineswegs den Umständen, unter denen er dazu verurteilt werden konnte. Und man kann noch mehr tun: Saudi-Arabien und seine Produkte boykottieren. DAS tut diesen Drecksäcken weh. Geht zu Fuß, statt mit dem Auto zu fahren, reist nicht dorthin überzeugt auch andere, so zu handeln. Aber sendet diesen Scheusalen nicht die Botschaft, daß es in Ordnung ist, Menschen - egal welchen - Gewalt anzutun.

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  2. Ich finde diese Aktion richtig - wir organisieren sie auch! Siehe http://www.theeuropean.de/christopher-gohl/9491-saudi-arabien-peitschenhiebe-fuer-freiheitsfreund, hier auch auf Englisch: http://www.theeuropean-magazine.com/christopher-gohl--2/9520-the-suffering-of-raif-al-badawi. Herzliche Einladung zu https://www.facebook.com/groups/schlagtunsstattraif sowie zur Demonstration in Berlin am 30. Januar um 5 vor 12 vor der saudischen Botschaft unter https://www.facebook.com/groups/schlagtunsstattraif. Anmeldungen auch unter wir.statt.raif@gmail.com

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  3. Die Saudis schlagen vor aller Õffentlichkeit keine Europäerin.
    Der Skandal könnte womöglich dazu führen, dass sie von uns keine Waffen mehr geliefert bekommen. Und was sollte unsere Rüstungsindustrie dazu sagen ?!
    Der Impuls, den eigenen Leib stellvertretend anzubieten ist zu edel, als dass er von Menschen verstanden werden würde, die ihre Frauen verschleiern und für so dämlich halten, dass sie ausser zum Gefögeltwerden , zu rein gar nichts taugen.
    Die Geste würde verpuffen oder belächelt werden. Beides hülfe also leider dem Opfer nichts.

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