Donnerstag, 12. Februar 2015

Seriously...?

Anmerkung: diesen Text habe ich vor Jahren auf einem anderen, mittlerweile privaten Blog veröffentlicht. Ich bin der Ansicht, daß er auch heute noch gültig ist und verwerte ihn daher hier wieder!

Ich hasse ja Karneval.
Das zur Einleitung. Und meine Erlebnisse in der Karnevalshochburg Köln verleiten mich  nach fast einem Jahr mal wieder zu einem Eintrag in dieses Blog. Für alle, die in südlicheren Gefilden leben oder das Glück haben, von diesem ganzen Scheiß aus irgendeinem segensreichen Grund nichts mitzubekommen: heute ist Weiberfastnacht oder, wie es bei uns hieß, schmutziger Donnerstag. Ich wollte heute einkaufen gehen, um mich vor den Horrortagen einzudecken - damit ich nur noch im Notfall die Wohnung verlassen muß. Ja, gehste mal vor 11 Uhr, dachte ich, da wird schon noch nichts los sein, sind ja keine geistesgestörten Temporär-Alkoholiker, hier in Köln...
Ja.
Das dachte ich.

Auf dem Weg zur Stadtbahnhaltestelle kamen mir schon die ersten Witzbolde entgegen. Blöde Hüte und Billigperücken, bunte Fetzen und ziemlich arme Kostüme; kennt man ja. Unerwarteterweise war die Bahn natürlich völlig überfüllt mit den sogenannten "Jecken", die alle kollektiv "Spaß" dabei haben, schlecht verkleidet zu sein und sich asozial aufzuführen... selbstverständlich wurde ich in meiner nichtgeblümten Normalkleidung mit fast schon mitleidigen Blicken bedacht. Im Supermarkt kamen mir dann die Menschen mit den Alkoholvorräten entgegen. Meine Güte, es war gerade mal zehn Uhr! Die Kassiererin war selbstverständlich "lustig" verkleidet und vor dem Laden standen die ersten Ansammlungen von Menschen aller Art, die sich um halb elf (!) vormittags (!) schon betrinken, wie die elenden Alkoholiker. Und das geht jetzt ein paar Tage so weiter. Die Stadt wird durchsetzt sein von Idioten, Müll und Kotzeflecken, es wird gegrabbelt, gesoffen und betrogen und bei der Gelegenheit werden sicherlich massenweise Geschlechtskrankheiten übertragen und Kinder gezeugt. Die Verkleidung gaukelt Anonymität vor und am Mittwoch wird sich geschämt, was das Zeug hält (...hoffentlich).

Aber das Verstörendste daran ist dieses so flache, traurige Verständnis von Lustigkeit, von Spaß und Humor. Ja, Mensch, ist DAS witzig, 2/3 der Leute sind als Cowboys, Indianer und Piraten verkleidet, der Rest begnügt sich mit dummen Hüten, luuuuustigen Perücken und zwei Pinselstrichen Farbe im Gesicht, schon ist man eine Stimmungskanone! Hach, hahaha... zum Wegschreien komisch. Haha.
Ha.
Einmal muß man ja witzig und ausgelassen sein, wa? Und dazu gehört, sich im Kindergarten-Outfit zu unerträglich lauter Bummsmucke einen hinter die Binde zu kippen und zu gröhlen wie ein besoffener Gorilla nach einer Lobektomie. Wenn die verbitterte Enddreißiger-Mutter sich ein Köln-Abziehbildchen auf die Wange klebt und die fettärschige Graumaus sich als dicker Fliegenpilz verkleidet, wenn die sich vor den Spiegel stellen und denken, daß sie auch nur ein Quäntchen lustiger sind als Durchfall, dann kann doch irgendwas nicht stimmen... und dazu die alles überschattende Spießigkeit, die sich daraus ergibt, daß diese Ausgelassenheit nur an ein paar von "oben" diktierten Tagen erlaubt ist und dann auch konsequent ausgereizt wird.

Ich sei ja gar nicht offen für sowas, wurde mir gesagt. Doch, doch - diese sophistizierte Art von Humor ist mir vermutlich einfach noch nicht zugänglich, aber ich versuche mein Bestes. Ich finde das alles urkomisch, das verstehe ich unter Spaß in meinem Leben, und deswegen mache ich jetzt extra mein lustiges Karnevals-Gesicht:


Wirklich? Ist das wirklich Euer Humorverständnis? Liebes Volk, das hier ist lustig. Das hier, und auch das hier, irgendwie. Aber diese kotzegetränkte, kackmusikgetriebene Sauforgie im Piratenkostüm, die nur die verzweifelte Ausflucht aus einem affektflachen Drohnenleben sein soll, ist es NICHT!

P.S.: hiermit rufe ich die Aktion "postet Euer eigenes lustiges Karnevalsgesicht!" ins Leben! Haut rein!

Kommentare:

  1. https://www.youtube.com/watch?v=Bl4KdKXdMsA

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  2. Ich hab' sowieso noch nie verstanden, was an Karneval und diesen ganzen damit verbundenen Veranstaltungen überhaupt lustig (oder wenigstens "lustig") sein soll - das einzige, was ich da sehe, sind meistens Leute, die in der Non-Helau-Time des Jahres einen dermaßen langen Stock im Arsch haben, daß er von unten gegen die Kopfschwarte drückt und die zum Lachen in den Keller gehen und da noch die Tür hinter sich zu und das Licht ausmachen, damit's ja keiner mitbekommt.
    Aber einmal im Jahr, an den "närrischen Tagen", wird dann auf Befehl und im Kollektiv mit militärischer Disziplin und heiligem Ernst das Humorprogramm durchgezogen, das aber interessanterweise völlig humorfrei ist - oder was ist an rasierten Gorillas mit Beklopptenhut lustig, die sich schwankend an ein Pult klammern und die abgefurztesten Kalauer der Kreidezeit rauswürgen ("Büttenrede"), während sich das strunzvolle Auditorium, von akustischen Lachbefehlen ("Tusch") getriggert, reflektorisch einnässt? Oder an Tante Gerda und ihren postklimakterischen Genossinnen, die sich plüschige Katzenlauscher an die Dauerwelle flanschen, sich mit Edding und Kalkputz die dazu passende Viechervisage hinmodellieren und dann hysterisch gackernd armen (männlichen) Schweinen ungefragt die Krawatten zerschnippeln?
    Keine Ahnung, wahrscheinlich bin ich als Süddeutscher einfach zu verklemmt.

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