Mittwoch, 28. Januar 2015

Die richtigen Signale

Warnung: dieser Artikel kann Spuren von Polemik, Sarkasmus und ähnlichen Inhaltsstoffen enthalten.

Am 20./21. Januar besuchten Claudia Roth, ehemalige Parteivorsitzende der Grünen, und die CSU-Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl den Iran und kamen damit einer Einladung aus Teheran nach. Das Programm war ein buntes: so traf sich Frau Roth mit Ali Laridschani, dem iranischen Parlamentspräsidenten. Der Mann, mit dem sie auf mehreren Bildern ein offensichtlich recht erfreuliches Pläuschchen hielt, ist ein ausgesprochener Antisemit und sich bei der Frage, ob es den Holocaust gegeben habe, nicht so ganz sicher (ach ja: der Zeitpunkt dieses Treffens, nämlich etwa eine Woche vor dem 70. Jahrestag des Befreiung der überlebenden KZ-Häftlinge aus Auschwitz, war freilich sehr durchdacht gewählt). Natürlich hat sie mit allen Menschen dort ganz doll geschimpft wegen der Menschenrechte. Bestimmt ist es ihr zu verdanken, daß während ihres Besuchs im Iran nur fünf Menschen hingerichtet wurden.

So ein lustiger junger Mann, der Herr Laridschani.
Zudem traf sie sich mit einer ehemaligen Geiselnehmerin, die jetzt ein hohes politisches Amt im Iran bekleidet, und trug dabei zu allem Überfluß auch noch ein Kopftuch - das ist es, worauf ich in diesem Beitrag eigentlich hinaus will. Unabhängig davon, daß ich persönlich (!) das Kopftuch für ein problematisches Symbol halte, war das eine Entscheidung, die viele Menschen verärgert hat. Ich halte den Shitstorm, der ihr und ihrer Kollegin Wöhrl entgegenschlug, für prinzipiell richtig, allein das Ausmaß (bis hin zu strafrechtlich relevanten Aussagen und Drohungen) war mal wieder pegida-esk übertrieben. Doch neben den üblichen am rechten Rand des politischen Spektrums herumlungernden Bierpatrioten haben sich auch richtige Menschen über diesen Fehltritt geärgert.
Zum Einen merkt das MFFB an, daß ein solcher Besuch, fein in geschlechtsneutralen Zwirn gehüllt und mit einem Dauergrinsen bewaffnet, den internationalen Druck auf dieses Land etwas lächerlich wirken lasse.
Außerdem haben sich die Frauen der Aktion "My Stealthy Freedom", die gegen die Zwangsverschleierung im Iran protestiert, ganz besonders gefreut, daß westliche Politikerinnen, die nicht dem Islam angehören, ohne Not dieses Unterdrückungstextil tragen und damit auch noch recht debil in die Kamera grinsen. Iranische Männer, die auf Staatsbesuch gehen, so argumentieren sie, weigern sich, an Empfängen teilzunehmen, auf welchen Alkohol ausgeschenkt wird. Wieso weigern sich Frau Roth und Frau Wöhrl dann nicht, ein Kopftuch anzuziehen? Weil es Teil des "politischen Protokolls" ist, wie Claudia Roth sagt. Dazu fällt mir ein Lied von Rage Against The Machine ein.
Also. Es gibt Frauen wie Claudia Roth.

Smile! You're on camera!
Und es gibt coole Frauen. Eine davon ist Michelle Obama. Die hat nämlich die Beerdigung des ehemaligen "Königs" (im 21. Jahrhundert! God dammit!) von Saudi-Arabien besucht und dafür ihre Indien-Reise unterbrechen müssen. Und genau so gut gelaunt sieht sie auf den Bildern auch aus. Was auf den Bildern, neben ihrem minimal entgleisten Gesicht, jedoch auch zu sehen ist: ihre Haare!


Und hier nochmal Frau Obamas Checkliste, was die Erwartungen an sie bezüglich der Kleiderordnung angeht:


Von Michelle Obama war erwartet worden, daß sie dem toten Machthaber in schwarzem Gewand und mit bedecktem Haar die "letzte Ehre" erweise, doch sie kam in Quietschblau und mit schicker Fönfrisur, was in der saudischen Twitterwelt für Empörung und bei mir für Freude sorgte. Auch in Saudi-Arabien herrscht Zwangsverschleierung für Frauen (wenngleich nicht zwingend für Staatsgäste), Frauenrechte hingegen sucht man vergebens. Ohne männlichen Begleiter das Haus verlassen, Auto fahren oder wählen sind - und bleiben, wenn man den Worten des neuen Königs Glauben schenken darf - Wunschträume der saudischen XX-Chromosomen-Trägerinnen. In einem solchen Land kein Kopftuch zu tragen hat wenig mit religiöser Respektsverweigerung, sondern vielmehr mit einem Statement für die Menschenrechte zu tun.

Und während eine Claudia Roth oder eine Dagmar Wöhrl duckmäuserisch die Appeasementkeule schwingen und in die Kamera grinsen, stellt sich eine Michelle Obama im blauen Kleid und mit betont angepisstem Gesichtsausdruck vor die saudischen Delegierten, die ihr mitunter nicht mal die Hand reichen, und ist... cool. Chapeau.

Je suis Raif

Liebe Leser,

nach einer weiteren Klausurenepisode melde ich mich mal wieder zurück, denn das Thema, um welches es geht, ist wichtig. Ich habe gehofft, daß die von Amnesty International lancierte "Urgent Action" und der weltweite Protest gegen die Auspeitschung von Raif Badawi etwas bringen würden. Das war nicht der Fall. Zwar machten zwischendurch Gerüchte die Runde, daß die Strafe aufgehoben sei, diese bewahrheiteten sich jedoch nicht. Welche Rolle der Machtwechsel in Saudi-Arabien dabei spielte, weiß ich nicht - in jedem Fall wurde Raif Badawis Auspeitschung schon mehrfach aus gesundheitlichen Gründen verschoben.


Die ersten 50 Peitschenhiebe, die Badawi durchleiden mußte, haben ihn bereits stark mitgenommen; noch immer geht es ihm schlecht. Die restlichen 950 Peitschenhiebe kommen damit einem Todesurteil gleich. Und wofür das alles? Raif Badawi hat gebloggt. So, wie es tausende in westlichen Gefilden jeden Tag tun. So wie ich. Wie mein Mann. Jeden Tag machen wir Gebrauch von unserem Recht auf freie Meinungsäußerung, kritisieren Politik, Religion, Justizsysteme und unsere Regierung. Genau das hat Raif Badawi getan. Und muß nun dafür bezahlen: mit 1000 Peitschenhieben, 195.000 Euro Strafe und zehn Jahren Gefängnis, die ihn von seiner Frau und seinen drei Kindern trennen.

Seine Familie mußte nach Kanada flüchten, sein Anwalt wurde ebenso verurteilt und eingesperrt, er kann die Strafe nicht bezahlen und die Chancen, daß der 30jährige diese Tortur überlebt, stehen nicht besonders gut. Was kann man tun? Vermutlich nicht viel, von Deutschland aus. Ein Zeitungsartikel hat mich auf die Idee gebracht, dem saudischen Botschafter in Berlin folgende Mail zu schreiben:

Sehr geehrter Herr Professor Dr. med. Ossama bin Abdul Majed Shobokshi,
mit grosser Sorge betrachte ich seit einiger Zeit den Fall des Raif Badawi. Amnesty International betrachtet den Blogger als politischen Gefangenen, der nur friedlich von seinem Menschenrecht auf freie Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht hat.
Ich lehne die koerperliche Zuechtigung grundsaetzlich ab und bezweifle, dass Raif Badawi die fuer ihn angedachten 1000 Peitschenhiebe zu ueberleben imstande ist. Aus diesem Grund biete ich hiermit an, 50 der Peitschenhiebe fuer Raif Badawi zu uebernehmen. Ich koennte eigens dafuer nach Berlin zur Botschaft des Koenigreichs Saudi-Arabien reisen und die Strafe dort annehmen unter der Bedingung, dass diese 50 Peitschenhiebe dann von der Strafe Badawis abgezogen werden.
Bitte lassen Sie mich zeitnah wissen, ob das moeglich waere.
Mit freundlichen Gruessen,
Claudia Courts
Mit Bitte um Weiterleitung an:
King Salman bin Abdel aziz Al Saud
The Custodian of the two Holy Mosques, Office of His Majesty the King
Royal Court, Riyadh, SAUDI-ARABIEN

Ich habe das geschrieben, weil ich tatsächlich dazu bereit wäre (Trittbrettaktionen wären in diesem Zusammenhang vermutlich nicht so klug). Weil es ein Beitrag dazu wäre, das Leben eines Menschen zu retten, der sonst von seiner Regierung getötet wird - weil er das getan hat, was für mich ein selbstverständliches Menschenrecht darstellt, welches ich hoch halte. Bis jetzt gab es zu diesem Verfahren noch keine öffentliche Stellungnahme der saudi-arabischen Regierung bezüglich seiner Rechtmäßigkeit. Sollte es jemanden unter Euch geben, der das ebenso sieht oder der bereit wäre, Raif einen Teil seiner Strafe abzunehmen, so wäre es großartig, wenn er/sie dieses Angebot ebenso versenden oder diesen Blogpost teilen könnte. Stellt Euch vor, wie es wäre, wenn 950 Leute je einen Peitschenhieb für Raif durchleiden könnten! Die Adresse lautet deemb@mofa.gov.sa 
Danke Euch!

Man mag diese Mail, dieses Angebot vielleicht als verzweifelten Aktionismus (oder gar Selbstbeweihräucherung?) betrachten und zu bedenken geben, daß es vermutlich noch hunderte solcher Fälle gibt. Aber in meinen Augen gebietet es mir (!) die humanistische Gesinnung, sich einzusetzen für diesen leidenden Menschen, der ein Verbrechen begangen haben soll, daß es gar nicht gibt. 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Was darf Satire? Alles.

Das schrieb Kurt Tucholsky im Berliner Tageblatt im Jahre 1919. Heute zeigte sich nur scheinbar, daß das nicht stimmt: wer satirisch überden Islam berichtet, wird bestraft. Legitimiert fühlt man sich als Strafender natürlich von Allah höchstselbst. Dieser und sein Kumpane Mohammed sind sicher sehr froh, daß drei maskierte Rächer die Drecksarbeit machen. Allerdings müssen sie sich die Frage gefallen lassen, warum allmächtige Wesen die unverschämten Karikaturisten nicht einfach an einem Herzinfarkt, einer Hirnblutung oder einem Blitzschlag sterben lassen, sondern drei ihrer nichtigen Untertanen dafür brauchen.

Heute, am 7. Januar 2015, töteten drei maskierte Männer in der Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris und deren Umgebung insgesamt zwölf Menschen. Sie erschossen die Opfer mit Kalashnikows und schrieen dabei „Wir rächen den Propheten! Wir haben Charlie Hebdo getötet!“. Neben dem Chefredakteur und drei Karikaturisten kamen dabei noch mehrere Polizisten ums Leben. In der Zeitschrift waren regelmäßig Mohammed-Karikaturen abgebildet, die für Kontroversen in Frankreich und Europa sorgten, weswegen die Redaktion unter Polizeischutz stand. Ein Youtube-Video zeigt, wie die Männer, die aus ihrem islamistischen Hintergrund keinen Hehl machen, aus ihrem Auto aussteigen, gezielt Schüsse auf einen Polizisten abfeuern und, nachdem sie feststellen, daß dieser noch nicht tot ist, auf den sich windenden und die Arme hebenden Mann zumarschieren und ihm einen Todesschuß in den Kopf versetzen.

Empathie ist einer der wichtigsten Faktoren im menschlichen Miteinander. „Empathie“ bezeichnet das Einfühlungsvermögen; die Fähigkeit, sich in einen anderen Standpunkt hineinzuversetzen; das Vermögen, die Gefühle des Gegenübers nachzuvollziehen; die Betroffenheit, wenn ein anderer Mensch in Not gerät und den Impuls, in solchen Situationen zu Hilfe zu eilen. Dieses Einfühlungsvermögen sollte eine Basis des menschlichen Moralempfindens sein: es zielt darauf ab, menschliches Leiden zu minimieren. Von klein auf entwickeln wir diese Fähigkeit, sie konstituiert unser Gewissen und unser Verantwortungsgefühl. Menschen, die zur Empathie nicht fähig sind, empfinden wir oft als un- oder antisozial, mitunter sogar als psychopathisch. „Psychopathen“ oder Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden dabei meist unter neurobiologischen Fehlfunktionen (Fehlregulation der Amygdala oder Reduktion der Großhirnrinde), welche für das Fehlen jeglicher Empathie verantwortlich ist.
Es gibt allerdings noch einen anderen Faktor, der einen ganz offensichtlich vergessen lässt, daß das Gegenüber ein fühlendes menschliches Wesen ist: Dogmatismus. Und dieser wird von zwei Personengruppen geradezu zelebriert: von politischen und religiösen (von diesen noch mehr, weitet sich doch deren "Tätigkeitsfeld" auch auf das Leben nach dem Tode aus) Extremisten. Was moralisch richtig ist, wird dabei nicht „von der Realität des Leids“ bestimmt, sondern von den Angaben in einem uralten Buch. Wer so denkt, kann auch im Namen Allahs Menschen töten.

Mich hat das Video des sterbenden Polizisten bis ins Mark erschüttert und große Übelkeit ausgelöst. Wer denkt, daß er das aushalten kann, möge hier klicken, um eine Aufnahme dieses Mannes zu sehen, wie er, Sekunden vor seinem Tod, flehend die Arme hebt und (auf dem Bild nicht zu sehen, im Video schon) dem Attentäter ins Gesicht blickt. Dieser ist davon vollkommen unbeeindruckt, marschiert auf ihn zu und schießt ihm in den Kopf. Wenn ich mir auch nur eine Sekunde lang vorstelle, wie sich der auf dem Boden liegende Mann gefühlt haben muß, könnte ich in Tränen ausbrechen. Aber die Überzeugung, im Namen einer Gottheit zu handeln und moralisch somit auf der richtigen Seite zu sein, lässt den Peiniger nicht einmal zögern. Deswegen halte ich Religion für so gefährlich: jeder Funke Mitleid ist eradiziert und das Gegenüber wird nicht einmal mehr als Mensch betrachtet. Das Fundament eines sozialen, gewaltfreien Miteinanders ist nicht vorhanden, wenn einer glaubt, er handele im göttlichen Auftrag. Wenn er einen Menschen tötet, weil dieser etwas gezeichnet hat.


 Der Chefredakteur von Charlie Hebdo, Stéphane Charbonnier, genannt „Charb“, ist diesem niederträchtigen Anschlag ebenfalls zum Opfer gefallen. Er war mutig und machte mit seiner Provokation nie vor religiösen oder politischen „Gefühlen“ Halt. Ich halte dieses Konzept für gut: Menschen dürfen sich ruhig daran gewöhnen, daß ihre völlig arbiträr gewählten „Gefühle“ dieser Art nicht nur deswegen heilig sind, weil sie von irgendeiner Gottheit oder politischen/spirituellen/anderweitigen Eingebung stammen; nichts darf sicher sein vor Spott, oder, wie mein Mann es ausdrücken würde: es gibt kein Recht darauf, nicht beleidigt zu sein. Gäbe es dieses Recht, wäre die Meinungs- und Pressefreiheit schnell dahin – und die ist in demokratischen Gefilden grundsätzlich höher zu bewerten als die Eingeschnapptheit eines Einzelnen. Charb sagte 2012, nachdem eine erste Kontroverse über die Veröffentlichungen von Mohammed-Karikaturen in vollem Gange war: „Ich habe keine Angst vor Repressalien. Ich habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keine Schulden. Das klingt jetzt sicherlich ein bisschen schwülstig, aber ich sterbe lieber aufrecht, als auf Knien zu leben.
Das mußte er heute tun. Aber die Pressefreiheit ist nicht gestorben, nicht einmal verwundet, im Gegenteil: mit ihrem Anschlag haben die Täter vermutlich genau das Gegenteil dessen erreicht, was sie wollten.


 Was soll man nun sagen zum Thema Islam? Ich kenne viele friedfertige Muslime, und erstmals werden auch die Stimmen gemäßigter Gläubiger hörbar, die (relativ laut) diesen Akt des Terrorismus verurteilen. Aber eine Religion, die mit großer Regelmäßigkeit und in hoher Zahl derart gewaltbereite Menschen hervorbringt, scheint ein grundlegendes Problem zu haben. Ist das der „wahre Islam“? Nein, sagen viele Gemäßigte in unseren Breitengraden, auch wenn es um ISIS geht. Aber wer legt das fest? Wenn man, wie ich, an keine höhere Gewalt glaubt, wer hat dann das Recht, den Menschen zu sagen, was der wahre Islam ist? Für die Attentäter ist das, was sie getan haben, mit dem Koran völlig vereinbar, und sicher fänden sich hunderte Stellen in diesem Buch, die das belegen. Der Islam birgt ein hohes Gewaltpotential in sich, wie es alle abrahamitischen Religionen tun. Nur befinden sich Christen- und Judentum weiter fortgeschritten in ihrer Entwicklung, der Islam frönt dem Sturm und Drang. Laut dem islamischen Kalender haben wir heute den 16.3.1436 – und man macht dem Datum mit seinem Gebaren alle Ehre.

Doch fast das Schlimmste haben die Attentäter sich und ihren Mitgläubigen selbst angetan: weltweit wächst nun eine irrational mit Fremdenhass verbrämte, hässliche Bewegung, die hierzulande ihren Ableger „Pegida“ nennt. Der Argwohn gegenüber Frauen mit Kopftuch oder Männern, welche die Moschee besuchen, wird weiter wachsen und rechtsextreme Idioten haben heute tonnenweise Wassers auf ihre Mühlen bekommen. 
Nein, liebe Islamisten, ihr habt Charlie Hebdo nicht getötet. Ihr habt die Pressefreiheit nicht getötet. Und das werdet ihr auch nicht schaffen.


Dienstag, 6. Januar 2015

Gute Vorsätze? Teil 1: Gracia Novo mono

In dieser kleinen Reihe werde ich, passend zum neuen Jahr, ein paar Schlankheitsmittel und deren Wirkmechanismen und Sinnhaftigkeit besprechen. Wer regelmäßig "Frauensendungen" konsumiert, dem wird wohl aufgefallen sein, daß pro Minute etwa 83 Werbespots für Diätmittel gesendet werden. Die meisten davon allerdings können nicht halten, was sie versprechen. Die nun folgenden Mini-Artikel der "Gute Vorsätze?"-Reihe sollen eine kleine Entscheidungshilfe darstellen. 

Teil 1: Gracia Novo mono von Figurapharma

Wie fast jede Frau, egal, wie gut oder schlecht die Figur tatsächlich ist, habe ich mich schon oft mit Möglichkeiten zur Gewichtsreduktion beschäftigt. Gibt man "schnell abnehmen" bei Google ein, erhält man (heute, am 6. Januar 2015) über 9 Millionen Ergebnisse. Die "Abnehmbranche" ist milliardenschwer und wie das so ist, wenn es um Geld geht, wird damit viel Schindluder getrieben.

Sicher gibt es viele Schlankheitsmittel, die zur schnellen Gewichtsabnahme führen - aber es lohnt sich, die Wirkmechanismen zu betrachten und herauszufinden, ob da nicht etwas Ungesundes zugrunde liegt. Und genauso gibt es Mittel zur Gewichtsreduktion, die absolut nichts bringen und eine reine Verschwendung von Zeit und Geld sind. Und ein Paradebeispiel für beides (je ein wenig) ist das heute besprochene Mittel: Gracia Novo mono.


Eine furchtbare Werbung, nicht wahr? Die doofe (natürlich) Frau, die nur das Abnehmen im Kopf hat, stürmt zum arroganten, alten, autoritären Apotheker und will abnehmen. Das versteht wiederum nur die andere Kundin, die daraufhin der armen dicken Frau das gute Zeug andreht. Natürlich wird die Wirksamkeit des Mittels angepriesen und dann ganz nebenbei ventiliert, daß es sich hierbei um ein homöopathisches Arzneimittel handelt. Leser, die mein Blog schon etwas länger verfolgen, werden vielleicht gemerkt haben, daß ich nicht der größte Freund der Homöopathie bin, und so wurde ich ein wenig skeptisch - denn die Angabe, daß ein Homöopathikum eine meßbare Wirkung erzielt, wäre irreführende Werbung mit falschen Versprechen.

Zuerst betrachten wir mal den Produzenten: Figurapharma stellt, wie der Name suggeriert, ausschließlich Mittel zur Gewichtsreduktion und Verschönerung von Frauen her. Keines davon verspricht, wirkungsvoll zu sein, wenn man einen Blick auf die Inhaltsstoffe wirft. Da macht "Gracia Mono novo" keine Ausnahme. Dieses homöopathische Mittel liegt in einer D2-Verdünnung vor, der verwendete Inhaltsstoff ist ein Extrakt von Fucus vesiculosus, dem Blasentang (eine Braunalge).Der Blasentang wurde im prä-EbM-Zeitalter zur Behandlung von Übergewicht und Iodmangelerkrankungen (Struma) eingesetzt. Grund dafür ist der recht hohe Iodgehalt in diesen Pflanzen (im Durchschnitt 0,5%).


Aus mehreren Gründen tut man das heute nicht mehr: der Iodgehalt ist alles andere als verlässlich. Er schwankt von Pflanze zu Pflanze erheblich und kann so schnell zur Über- oder Unterdosierung führen (das heißt, der Iodspiegel wirkt dann entweder toxisch oder gar nicht). Eine Überdosierung wiederum kann zu einer reaktiven Schilddrüsenüberfunktion führen, die im schlimmsten Fall (durch Herzrhythmusstörungen oder eine thyreotoxische Krise) tödlich enden können. Außerdem ist eine Iodunverträglichkeit denkbar. Aus der (seriösen) Phytotherapie ist der Blasentang demnach schon recht lang verschwunden.

Der Tagesbedarf an Iod beträgt ca. 200 Mikrogramm. Zehn Gramm getrockneten Blasentangs enthalten schon das 250fache dieser Tagesdosis. Das Homöopathikum Gracia Novo mono hat da eher das gegenteilige Problem: der Fucusextrakt (der hoffentlich in Bezug auf den Iodgehalt standardisiert ist) ist 1:100 verdünnt. Bei einer vorgeschlagenen Dosierung von 5 Tropfen vor der Mahlzeit entspricht das 12,5 Mikrogramm pro Dosis. Das während höchstens 50 Mikrogramm am Tag (mit drei Hauptmahlzeiten und einer Dosis vor dem Schlafengehen). Es ist also durchaus noch Iod vorhanden im Präparat (genug, um eine Iodunverträglichkeitsreaktion auszulösen), aber nicht mal ansatzweise genug, um überhaupt den Tagesbedarf zu decken. Eine pharmakologische Wirksamkeit im Sinne einer Stoffwechselankurbelung und Anregung der Gewichtsabnahme darf also ausgeschlossen werden.

Sollte eine Frau sich jetzt die mannigfache Dosis zuführen, so sei noch angemerkt, daß die Lösung 90 % Ethanol enthält. Die selbstständige Dosierung wäre hier also doppelt unschön: zum einen wird unnötigerweise ein Nervengift zugeführt, zum anderen kann die versehentliche Überdosierung ("Viel hilft viel") bei exzessiver täglicher Einnahme zur Überfunktion führen.

Wenn man fünf Tropfen in ein Glas Wasser gebe und dieses dann vor jeder Mahlzeit trinke, mindere man sofort das Hungergefühl, wirbt der Hersteller. Das wird doch wohl nicht sein, weil die Dehnungsrezeptoren des Magens auf die Volumenzunahme durch Wasserzufuhr reagieren?! Die Antwort lautet: doch. Die Iod-Minidosis hat damit nichts zu tun.
Fun Fact: ab einer Verdünnung von D6 wird Fucus vesiculosus in der Homöopathie übrigens gegenteilig, also gegen Schilddrüsenüberfunktion eingesetzt, weil dann ja keine Moleküle mehr nachweisbar sind. Das ergibt natürlich Sinn...


Fazit: ein wirkungsloses Mittel, das fast 40 Euro pro 100 ml kostet (und dann für drei Monate reicht). Das kennt man ja bereits von den Homöopathie-Advokaten. Nun kennt man ja die manchmal eintretende Maßlosigkeit der AbnehmaspirantInnen - wenn das dazu führt, daß hemmungslos überdosiert wird, kann das mit reaktiver Schilddrüsenüberfunktion oder Unverträglichkeiten enden. Außerdem wird dem Kunden hier ein "pflanzliches Heilmittel" angedreht, das in Wirklichkeit ein Iodpräparat ist, alles wie immer verschleiert von lateinischen Vokabeln und dem üblichen Hokuspokus. Prädikat: Nutzlos.